18. März 2015

Alan Bennett: Die souveräne Leserin

Heute möchte ich euch eine unvergleichliche Novelle des britischen Schriftstellers Alan Bennett vorstellen: Die souveräne Leserin. Selten habe ich mich beim Lesen so köstlich amüsiert wie mit dieser herrlichen Geschichte, die vor Esprit und britischem Humor nur so sprüht. Dies liegt sicher vor allem daran, dass Bennett eine ganz spezielle Hauptfigur in den Fokus seiner Novelle gestellt hat. Nicht viele hätten es gewagt, die englische Königin zur Protagonistin zu machen und uns den etwas anderen Alltag des höchsten Royals so hintergründig und humorvoll darzulegen. Aber Alan Bennett ist ein Meister seines Fachs, der seine Charaktere nie blossstellt, sondern ihre Schwächen liebevoll darlegt.

Her Majesty im Bücherbus

Weil ihre heißgeliebten Hunde, die Corgis, mal wieder nicht so gehorchen wie sie sollen, findet sich die Queen auf der Suche nach ihren vierbeinigen Lieblingen plötzlich auf einem der Palasthöfe wieder. Dort entdeckt sie ihre kläffenden Corgis und zu ihrer Überraschung auch einen Bücherbus samt Fahrer, Mr. Hutchings, und Norman Seakins, einen Bediensteten der Palastküche, der sich als sehr belesen erweist. Weil sie nicht unhöflich sein möchte, leiht sie sich ein Buch aus, obwohl sie, wie sie sagt, ja eigentlich gar keine Zeit zum Lesen hat.

Späte Leidenschaft

Sie liest das Buch eher aus Pflichtgefühl, findet es für ihren Geschmack auch viel zu zäh, doch fortan ist es um sie geschehen: Sie entdeckt ihre Leidenschaft fürs Lesen - wenn auch sehr spät, wie sie findet - und nutzt jede Möglichkeit, um sich in die unterschiedlichsten Bücher zu vertiefen. Da ihr Norman immer mehr oder weniger wertvolle Tipps gibt und auch ansonsten von ihrer Präsenz in keiner Weise eingeschüchtert ist, befördert sie ihn kurzerhand zum Pagen, was vor allem ihrem neuseeländischen Privatsekretär, Sir Kevin Scatchard, ein Dorn im Auge ist.

Entsetztes Umfeld

Ihr Umfeld ist alles andere als begeistert, denn sie, die stets Pünktliche und Pflichtbewusste, setzt plötzlich andere Prioritäten und entwickelt sogar zum Missfallen ihres Gatten Philip auch noch eine unschlagbare Technik, wie sie im Auto gleichzeitig lesen und der Menge königlich zuwinken kann. Ein von ihr unter einem Kissen in ihrer Kutsche verstecktes Buch wird sofort vorsorglich gesprengt, weil man selbst die bloße Möglichkeit, dass das Buch der Queen gehören könnte, gar nicht erst in Erwägung zieht.

Düpierte Staatsgäste

Zum Entsetzen des Premierministers bindet sie schließlich auch noch die Staatsgäste in ihr neues Lieblingsthema mit ein. So fragt sie z.B. den französischen Präsidenten bei einem Staatsbankett über den Skandalschriftsteller Jean Genet aus und erwischt ihn prompt auf dem falschen Fuß - wieder ein absolutes No-Go in Sir Kevins Welt.

Folgenschwere Entscheidung

Als die Queen dann auch noch beginnt, sich Notizen zu den Büchern zu machen und ständig einen Block dabei hat, macht sich am Hof in Windeseile das Gerücht breit, sie sei an Alzheimer erkrankt. Doch sie war geistig nie fitter und nimmt sich Zeit zur Selbstreflexion. Sie sieht die Menschen jetzt aus einem anderen Blickwinkel und bekommt ein Gefühl für ihre Stimmungen. Sie bedauert, dass sie Pflichterfüllung stets vor Vergnügen gestellt hat und trifft an ihrem 80. Geburtstag dann eine folgenschwere Entscheidung, nach der nichts mehr so sein wird, wie es vorher war...

Leidenschaftliches Plädoyer für das Lesen

Diese zauberhafte Geschichte ist in erster Linie ein leidenschaftliches Plädoyer für die Literatur und das Lesen. Sie zeigt mit Witz und Esprit, wie Bücher die Sichtweise von Menschen verändern können, wie sie von ihnen lernen und an ihnen wachsen. Bennets Queen ist da keine Ausnahme, denn - wie der Autor es schon so treffend formulierte - vor der Literatur sind alle Leser gleich.

Alan Bennett: Gefeierter Theaterautor und Schriftsteller

Alan Bennett, preisgekrönter britischer Bühnen- und Theaterautor und Schriftsteller wurde 1934 in Leeds geboren. Er studierte Geschichte am Exeter College dank Stipendium und erhielt sogar eine Juniorprofessur in Oxford. Bekannt wurde er 1960 durch die satirische Revue "Beyond the Fringe". Er schrieb unzählige Theaterstücke, u.a. auch das großartige "The Madness of King George", das mit Nigel Hawthorne und Helen Mirren verfilmt wurde. Zudem schrieb er für Funk und Fernsehen und veröffentlichte darüber hinaus auch Prosa.

Da Alan Bennett keine eigene Website hat, findet ihr weitere Informationen über ihn und seine Werke auf der englischen Wikipedia-Seite http://en.wikipedia.org/wiki/Alan_Bennett, die recht ausführlich ist.

Originalausgabe: Bennett, Alan. The Uncommon Reader. London: Faber and Faber Ltd., 2007.
Deutsche Ausgabe: Bennett, Alan. Die souveräne Leserin. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Klaus Wagenbach Verlag/SALTO, Berlin, 2008 (ISBN: 978-3-8031-1254-5).
Bildquelle: www.wagenbach.de

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