19. April 2015

Kenneth Branaghs Frankenstein-Verfilmung

Sony Pictures Home Entertainment
Mary Shelleys Meisterwerk Frankenstein ist schon unzählige Male verfilmt worden. Im Gedächtnis blieb zumeist nur der für 1931 spektakuläre Film von James Whale mit Schauspieler Boris Karloff als Frankensteins Kreatur, eine überdimensionale stumme Figur mit riesigem rechteckigem Kopf, aus dessen Hals Stöpsel ragen. Es folgten weitere Filme mit Stars wie Christopher Lee und Bela Lugosi. Kein Regisseur hielt sich jedoch eng an Shelleys Romanvorlage und versuchte, die Vielschichtigkeit dieses brillanten Romans zu erfassen.

Branaghs Neuadaption: Eine Hommage an Mary Shelley

Kenneth Branaghs herausragende Adaption von 1994 ist eine Hommage an Mary Shelley und ihren berühmten Roman. Gedreht wurde der Film in den Londoner Shepperton-Studios - es ist die aufwendigste Produktion, die jemals in einem englischen Studio realisiert wurde. Kenneth Branagh fungiert als Hauptdarsteller und Regisseur. Ihm zur Seite stehen Superstar Robert de Niro als Kreatur, Tom Hulce als Frankensteins Freund Henry, Helena Bonham Carter als Frankensteins große Liebe Elizabeth und John Cleese als Frankensteins Lehrer Prof. Waldmann.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH

Schauspielerisches Duo Infernale: Kenneth Branagh und Robert de Niro

Dieser Film wird getragen von der ausgezeichneten Schauspielkunst seiner beiden Hauptdarsteller Kenneth Branagh und Robert de Niro. 

Kenneth Branaghs Frankenstein ist ein von Ehrgeiz Getriebener, ein Besessener, der sich durch nichts und niemanden davon abhalten lässt, einen künstlichen Menschen aus Leichenteilen zu erschaffen bzw. diesen zum Leben zu erwecken. 

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH
 
Die Warnungen seines besten Freundes Henry schlägt er in den Wind und auch die moralisch-ethischen Bedenken seines Professors haben für ihn keinen Wert. Als sein Experiment in einer Katastrophe endet und er den Wahnsinn und das Ausmass seiner Tat erkennt, ist es zu spät, denn für ihn und seine Kreatur gibt es keinen Weg zurück. 

Branagh zeigt meisterhaft alle Facetten dieses kontroversen Charakters: Frankensteins außerordentlichen Wissensdurst und seine Hingabe, seine Verzweiflung, seine Reue, seinen unbändigen Wunsch nach Rache und sein hoffnungsloses Aufbegehren gegen sein Schicksal, das er selbst besiegelt hat. 

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Lediglich seine Liebe zu Elizabeth zeigt in kurzen Momenten den emotionalen Frankenstein. Doch auch sie kann ihn nicht retten, denn der verstandsdominierte Frankenstein stellt seinen Ehrgeiz über seine Gefühle. Elizabeths wachsendes Unverständnis bringt die Beziehung an ihre Grenzen. Als Frankenstein sich schließlich aus Schock über das grausige Resultat seines Experiments auf die wahren Werte und seine Gefühle besinnt, ist es zu spät, denn die Konsequenzen seines Handelns fordern ihren Tribut.

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Robert de Niros Darstellung der Kreatur ist beispiellos brillant. Er zeigt sie nicht als stummes und hirnloses Wesen, sondern als einsames, verzweifeltes und von seinem Vater/Schöpfer verstossenes Kind, das - mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, die es nicht kontrollieren kann - in einer ihm fremden und feindlich begegnenden Welt nach Halt, Akzeptanz und menschlicher Wärme sucht. Von den Menschen enttäuscht, verhöhnt und abgelehnt, macht er sich schließlich in unbändiger Wut auf die Suche nach seinem Vater, der ihn sich selbst überließ.

Folgenschwere Begegnung von Schöpfer und Geschöpf

Schließlich kommt es zur Begegnung von Frankenstein und seinem Geschöpf in einer Eishöhe, eine der Schlüsselszenen des Buchs, die Branagh meisterhaft inszeniert hat. Hier stellt dann auch das Geschöpf Frankenstein die zentrale Frage, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Hast du jemals die Konsequenzen deiner Handlungen bedacht? Du hast mir Leben gegeben, und dann wolltest du mich sterben lassen. Wer bin ich?"1 Diese Frage, auf die er keine Antwort weiß, führt Frankenstein den ganzen Irrsinn seines Handelns vor Augen und ihm wird bewusst, dass es für ihn und seine Kreatur keinen Ausweg gibt. Als die Kreatur ihn bittet, ihm eine Gefährtin zu erschaffen, damit er nicht mehr so einsam ist, willigt er zunächst aus Schuldgefühl ein, zerstört sein Werk jedoch vor Fertigstellung wieder, weil er nicht noch einmal einen solchen fatalen Fehler begehen will. Seine Kreatur, die Zeuge der Zerstörung seiner Gefährtin wird, wendet sich in blindem Hass gegen seinen Schöpfer und tötet im Gegenzug die Menschen, die Frankenstein am nächsten stehen.

Frankensteins Ende

Am Ende bleibt Frankenstein als einsamer, gebrochener Mann zurück, dessen einziger Lebensinhalt die Jagd nach seinem Geschöpf ist. In den Eiswüsten der Arktis, völlig entkräftet und des Lebens müde, ergibt er sich schließlich seinem Schicksal.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH

Der Film ist für mich eine der besten Literaturverfilmungen, die ich je gesehen habe. Ich kann sie euch nur wärmstens empfehlen.

Kenneth Branagh bringt es in seinem Artikel Eine Geschichte für alle Ewigkeit auf den Punkt: Es ist eine großartige Schauergeschichte. Es ist eine wunderbare Abenteuergeschichte von einem Mann, der ein Monster erschafft und dabei nicht ungestraft davonkommt. Aber es ist auch eine moralisierende Fabel über die Verantwortung von Eltern, über den Widerstand gegen Gott und über die Gefahren, die eine Einmischung in die Natur mit sich bringt. Einfach und zugleich tiefsinnig. Das ganze menschliche Leben - und auch der Tod - finden sich in Mary Shelley's Frankenstein wieder."2

Sir Kenneth Branagh: Großartiger Schauspieler und erstklassiger Regisseur

Der 1960 geborene Ire ist vielen insbesondere aus seinen preisgekrönten Shakespeare-Verfilungen wie z.B. Viel Lärm um nichts, Heinrich V., Verlorene Liebesmüh' und Hamlet bekannt, in denen er nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch als Regisseur fungiert. Aber Kenneth Branagh kann nicht nur Shakespeare. Filme wie der nuancierte, hochspannende Thriller Schatten der Vergangenheit setzen ihn auf eine Qualitätsstufe mit Alfred Hitchcock und doch ist er mit keinem anderen renommierten Regisseur vergleichbar, denn die Filme des vielseitigen Künstlers tragen stets seine Handschrift. Dies gilt auch für die erfolgreiche Tragikomödie Peter's Friends, die er mit einer Riege der besten englischen Schauspieler wie Ex-Gattin Emma Thompson, Stephen Fry, Hugh Laurie und Imelda Staunton realisierte, oder das Drama Mary Shelley's Frankenstein, für das er sogar Robert de Niro gewinnen konnte.

Schauspielvirtuose in allen Genres

2008 übernahm der wandelbare Schauspieler dann die Rolle des Kommissar Wallander in der gleichnamigen britischen TV-Serie, für die er 2009 einen BAFTA-Award gewann. Auch ein Action-Film wie die Jack-Ryan-Verfilmung Shadow Recruit stellt für den großartigen Mimen kein Problem dar: Seine Darstellung des russischen Oligarchen Viktor Cherevin (mit exzellent imitierten russischen Akzent) ist unvergleichlich gut. 2015 wagte er sich sogar an ein Märchen und verfilmte Cinderella. Und ein weiteres Mal standen ihm dafür hochkarätige Schauspieler zur Verfügung: Cate Blanchett, Lily James, Derek Jacobi, Helena Bonham Cater, Richard Madden, Stellan Skarsgard u.v.m.

Viel versprechendes neues Projekt

Branagh lässt sich zwar in keine Schulade packen, doch es zieht ihn immer wieder zu Shakespeare. So ist denn auch sein neues Projekt wieder sehr viel versprechend: Zusammen mit Star-Regisseur Martin Scorsese soll er derzeit an einer Neufilmung von Macbeth mit ihm und Alex Kingston in den Hauptrollen arbeiten. Ein großer Erfolg ist somit auch hier wieder vorprogrammiert.

Mary Shelley's Frankenstein
Produktionsland: UK, Japan, USA
Erscheinungsjahr: 1994
Tristar Pictures Industries, Inc.

Mein herzlicher Dank gilt Sony Pictures Home Entertainment GmbH, München, www.sphe.de, die mir alle oben aufgeführten Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Quelle1: Branagh. Kenneth. Das Drehbuch. In: Mythos Frankenstein. Hrsg.: Diana Landau. Aus dem Englischen von Carmen von Samson-Himmelstjerna. Düsseldorf: ECON Taschenbuchverlag GmbH, S. 116.
Quelle2: Branagh. Kenneth. Eine Geschichte für alle Ewigkeit. In: Mythos Frankenstein. Hrsg.: Diana Landau. Aus dem Englischen von Carmen von Samson-Himmelstjerna. Düsseldorf: ECON Taschenbuchverlag GmbH, S. 10.

Kommentare:

  1. Hallo Rosa,
    Kenneth Branagh mag ich sehr, sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur. Und ich wusste gar nicht, dass Cinderella auch von ihm ist. Denn der Film steht als nächstes auf meiner to-watch-list. Ich bin sehr gespannt...
    Liebe Grüße, Bee

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  2. Hallo Bee,

    ja, ich war auch überrascht in Bezug auf Cinderella. Den Film möchte ich mir auch unbedingt anschauen.

    Liebe Grüße Rosa

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