1. April 2015

Louise Welsh: Tamburlaine muss sterben


Ein kurzes Meisterwerk

Tamburlaine muss sterben von Louise Welsh ist zugleich das ungewöhnlichste und beste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Der Kurzroman lässt sich in kein spezielles Genre packen: Er zeigt viele Facetten eines historischen Romans verknüpft mit politischen und gesellschaftlichen Aspekten, ist aber ebenso ein sehr gelungener atmosphärischer Thriller.

Spannung ohne Atempause

Während andere Autoren mehrere hundert Seiten benötigen, um Spannung zu generieren, schafft es Louise Welsh auf nicht mal 140 Seiten, den Leser in ein mysteriöses Labyrinth aus Verrat und Rache, Folter, Ketzerei, schwarze Magie und politischen Verstrickungen zu locken und lässt ihm dabei bis zum Ende keine Atempause.

Mysteriöse Hetzjagd auf einen umstrittenen Dramatiker

Die Geschichte spielt im elisabethanischen London im Jahre 1593. In der Stadt wütet die Pest, und Christopher Marlowe, Enfant Terrible unter den Dramatikern und Dichtern seiner Zeit, flüchtet zum Landsitz seines wohlhabenden Gönners, Thomas Walsingham. Doch sein ungestörtes Schreiben in der ländlichen Idylle findet ein jähes Ende, als er verhaftet und zum Verhör vor den Kronrat nach London gebracht wird. Man beschuldigt ihn, ein Ketzer und Atheist und darüber hinaus Autor eines fremdenfeindlichen Pamphlets zu sein, das an der holländischen Kirche angebracht wurde. Dieses Pamphlet, in dem die Fremden in der Stadt, die unter dem besonderen Schutz der englischen Königin stehen, mit dem Tode bedroht werden, wurde mit Tamburlaine unterzeichnet. Alle Spuren führen zu Marlowe, denn Tamburlaine ist die brutale und skrupellose Hauptfigur seines umstrittenen gleichlautenden Dramas, ein primitiver skythischer Hirte, der zum König aufsteigt und dabei über Leichen geht.

Fieberhafte Suche nach Tamburlaine

Nachdem der Kronrat Marlowe bis zum Abschluss der Untersuchungen wieder auf freien Fuß gesetzt hat, versucht dieser fieberhaft, dem Initatior der gegen ihn gerichteten Verschwörung und dem geheimnisvollen Verfasser des Pamphlets auf die Spur zu kommen. Marlowe besticht den Kerkermeister und erfährt, dass man seinen Freund, Bühnenautor Thomas Kyd, unter Folter dazu gebracht hat, ihn als Ketzer und Atheisten zu verleugnen. Doch damit ist das Rätsel um Tamburlaine noch lange nicht gelöst, und Marlowe läuft die Zeit davon. Ihm droht die Todestrafe, wenn er nicht herausfindet, wer hinter Tamburlaine steckt und seine Vernichtung will. Zu spät erkennt Marlowe, dass er den Falschen vertraut hat...

Schillernder Protagonist: Dramatiker, Abenteurer und Spion Christopher Marlowe

Louise Welsh hat den englischen Dramatiker und Dichter Christopher Marlowe (1564 - 1593) zum Protagonisten ihres Romans auserkoren und um die wenigen Fakten, die von diesem schillernden Freigeist, Abenteurer und Spion überliefert sind, eine außergewöhnliche fiktive Geschichte konzipiert, die ihresgleichen sucht. Die schottische Schriftstellerin ist für mich eine Sprachvirtuosin, denn sie beherrscht die Kunst, dem Leser vor allem durch ihre ausgefeilte Sprache das Gefühl zu vermitteln, ins elisabethanische Zeitalter einzutauchen, und dies ist ein wirkliches Erlebnis.

Louise Welsh: Sprachvirtuosin ersten Ranges

Louise Welsh wurde 1965 in Glasgow/Schottland geboren und studierte Geschichte an der University of Glasgow.  Nach ihrem Abschluss eröffnete sie zunächst einen Second-Hand-Buchladen in Glasgow, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie hat bisher sechs Romane veröffentlicht, der Durchbruch gelang ihr 2002 mit "Dunkelkammer" ("The Cutting Room"). Welshs spannenden Thriller Das Alphabet der Knochen werde ich euch zu einem späteren Zeitpunkt auch noch vorstellen. Darüber hinaus hat sie viele Kurzgeschichten und Artikel geschrieben und sogar ein Libretto für eine Oper verfasst.

Weitere Informationen über Louise Welsh findet ihr auf ihrer Website www.louisewelsh.com.

Originalausgabe: Welsh, Louise. Tamburlaine must die. Edinburgh: Canongate Books Ltd., 2004.
Deutsche Ausgabe: Welsh, Louise. Tamburlaine muss sterben. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. München: Verlag Antje Kunstmann, 2005.
Bildquelle: www.kunstmann.de

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