8. April 2015

Metin Arditi: Tochter des Meeres

Griechische Tragödie in neuem Stil

Metin Arditis Tochter des Meeres ist eine spannungsreiche, sehr berührende Familien-geschichte - eine moderne griechische Tragödie wie sie brisanter und fesselnder nicht sein könnte. Doch trotz aller Dramatik sprüht sie vor Lebendigkeit und Lebensfreude. Darin liegt für mich auch die Anziehungskraft des Buches, das grossartig erzählt und voller Poesie ist und den Leser aufgrund seiner kontroversen Thematik so schnell nicht mehr loslässt.

Mysteriöser Tod zweier Brüder

Die Geschichte beginnt im Jahre 1952 auf Spetses, einer schönen, noch unberührten griechischen Insel. Die beiden Brüder und erfahrenen Fischer Spiros und Nikos Louganis kommen bei einem mysteriösen Bootsunfall auf dem Meer ums Leben. Ihre Familien, Spiros' Frau Magda und seine Tochter Pavlina sowie Nikos' Frau Fotini und sein Sohn Aris, sind verzweifelt, denn sie sind von nun an auf sich allein gestellt. Doch sie geben nicht auf und versuchen, diese schwierige Lebenssituation so gut es geht zu bewältigen. Magda findet Arbeit bei einer amerikanischen Familie und auch die Kinder verdienen ihr erstes Geld: Pavlina als Näherin und Aris als Tischler.

Fatale Liebe

Als die Insel 1957 mehr und mehr vom Tourismus erschlossen wird, entschließen sich Pavlina und Aris, das Unglücksboot ihrer Väter zu reparieren und in den Sommermonaten Bootstouren für die gut zahlenden Touristen zu veranstalten, da diese wesentlich mehr Geld einbringen als ihre Jobs in der Näherei bzw. Tischlerei. Für die 17-jährige Pavlina erfüllt sich ein Traum, denn sie ist heimlich in ihren Cousin Aris verliebt und nichts macht sie glücklicher, als mit ihm gemeinsam auf dem Meer zu sein. Sie verliert sich in Tagträumen, bis Aris ihr mitteilt, dass er sie zwar wie eine Schwester liebt, aber ihre romantischen Gefühle nicht erwidern kann. Er offenbart Pavlina sein Geheimnis, das einen Skandal heraufbeschwören würde, wenn es herauskäme. Für Pavlina bricht eine Welt zusammen und sie weigert sich, die Realität zu sehen. Sie versucht, Aris' Liebe zu erzwingen, und in einem schwachen Moment kommt es dann zu einer folgenschweren Nacht, deren weitreichende Konsequenzen beide Familien in den Abgrund ziehen...

Hymne auf das Leben

Metin Arditi ist ein großartiger Erzähler. Er versteht es, den Leser mit dieser außergewöhnlichen Geschichte in seinen Bann zu ziehen, aber er verlangt ihm auch Einiges ab. Tochter des Meeres ist ein Roman voller Emotionen, Leidenschaften, Geheimnisse und Tragödien - doch er ist vor allem eines: eine Hymne auf das Leben. Ganz egal, was seinen Protagonisten auch Schlimmes widerfährt, sie stehen wieder auf und machen weiter - und in kleinen kostbaren Momenten ist das Buch erfüllt von der Freude und der Lust am Leben. Und so steht dann auch am Ende nicht der tragödienübliche Untergang, sondern die Hoffnung auf einen Neuanfang, der beweist, dass das Leben trotz allem der Mühe wert ist. 

Multitalent Metin Arditi: Physiker, Geschäftsmann, bedeutender Mäzen und erfolgreicher Schriftsteller

Metin Arditi wurde 1945 in Ankara geboren, wuchs aber in Genf auf, wo er auch heute noch lebt. Er studierte Physik/Atomwissenschaften in Lausanne und später dann Wirtschaftswissenschaften an der Business School der Universität Stanford/USA. 1988 gründete er seine Stiftung Arditi und ist heute ein einflussreicher Mäzen und Kulturförderer, der in einer Vielzahl von kulturellen Institutionen engagiert ist (er ist u.a. Präsident des renommierten Orchestre de la Suisse Romande). Arditi  begann seine schriftstellerische Karriere vor ca. 17 Jahren. Tochter des Meeres ist sein fünfter Roman, der mit dem französischen Prix Version Femina ausgezeichnet wurde. 

Metin Arditi hat leider keine eigene Website. Ein sehr gutes (wenn auch älteres) Interview mit ihm mit dem Titel Kunst braucht keine Erklärung findet ihr bei SWI swissinfo.ch unter folgendem Link: http://www.swissinfo.ch/ger/-kunst-braucht-keine-erklaerung--/6390666.

Originalausgabe: Arditi, Metin. La Fille des Louganis. Arles/Paris: Actes Sud, 2007.
Deutsche Ausgabe: Arditi, Metin. Tochter des Meeres. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2009.
Bildquelle: www.hoffmann-und-campe.de

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