26. Mai 2015

Irène Némirovsky: Leidenschaft

Ein stilles Meisterwerk über Liebe und Leidenschaft

Irène Némirovskys Novelle Leidenschaft, der dritte Teil ihres berühmtesten Werks Suite Française, zählt für mich zu den besten Erzählungen über Liebe, Leidenschaft und zerstörerische Lebenslügen. Die Autorin erzählt diese tiefgründige Geschichte mit einer schlichten Sprache, die den Leser jedoch ins Mark trifft und gerade durch ihre beständige Einfachheit so eindringlich ist.

Einfaches Glück in der Provinz

Die Geschichte spielt in den 30er Jahren in Moulin-Neuf tief in der französischen Provinz und wird aus der Perspektive des alten Sylvestre, genannt Silvio, dem verbitterten und desillusionierten Cousin von Hélène Érard, erzählt. Hélène und ihr Mann François sind glücklich, als ihre Tochter Colette einwilligt, den um Jahre älteren Mühlenbesitzer Jean Dorin zu heiraten. Für Colette sind ihre Eltern, die - so scheint es -  eine stets glückliche Ehe führten, ein großes Vorbild, und sie möchte ihnen unbedingt nacheifern. Selbst der ständig zweifelnde Sylvestre, der sich mehr und mehr von den Menschen zurückgezogen hat, ist versucht zu glauben, dass Colettes und Jeans Ehe unter einem guten Stern steht.

Leidenschaftliche Affäre mit fatalen Folgen

Colette versucht, das zurückgezogene Leben in Moulin-Neuf mit ihrem Mann, für den sie eine ehrliche Zuneigung empfindet, zu schätzen und eine gute Ehefrau zu sein. Doch sie findet bei ihm nicht die Leidenschaft, die sie sich erhoffte. Und dann passiert das Unweigerliche: Sie lässt sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit dem jungen Bonvivant und Frauenhelden Marc Ohnet ein. Sylvestre, der Colette eines Tages unangekündigt einen Besuch abstattet als ihr Mann verreist ist, durchschaut ihr merkwürdiges Verhalten sofort, denn aus seiner Lebenserfahrung heraus kennt er das Feuer und die Leidenschaft der Jugend nur allzu gut und beschließt, Colette nicht zu konfrontieren bzw. blosszustellen.

Mysteriöser Tod und das Ende der Lügen

Als Colettes Mann dann unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, gerät alles aus den Fugen, und die ehrbar-bürgerlichen Fassaden bröckeln. Schnell stellt sich der vermeintliche Unfall ihres Mannes als Mord heraus, und Colette, die an ihren Gewissensbissen fast zerbricht, plagt die schreckliche Ahnung, dass sie den Mörder ihres Mannes kennt. Zu ihrem Entsetzen muss Colette am Ende zudem erkennen, dass auch ihre Mutter, die für sie stets der Inbegriff von Anstand und Moral war, ein dunkles Geheimnis hütet, mit dem Sylvestre untrennbar verbunden ist... 

Gelungenes Sittenporträt ihrer Zeit

Leidenschaft ist eine außergewöhnlich berührende Novelle, die der Gesellschaft der damaligen Zeit und hier insbesondere der strengen Elterngeneration schonungslos den Spiegel vorhält. Obwohl sie in ihrer Jugend selbst über die Strenge geschlagen und Moral und Anstand ignoriert haben, lassen sie bei ihren Kindern eine nicht nachvollziehbare Härte walten und bringen für deren Fehlverhalten keinerlei Verständnis auf. Irène Némirovsky zeichnet ein sehr gelungenes Sittenporträt ihrer Zeit, das von Doppelmoral und Heuchelei geprägt war. Die Figuren der Geschichte sind meisterhaft gelungen, allen voran der alte Sylvestre, dessen einfache Analyse und Beurteilung der Menschen und ihrer Situation nicht treffender sein könnte. Das überraschende Ende zeigt, dass sich auch Sylvestre dem Sog der Leidenschaft nicht entziehen konnte und dafür einen hohen Preis zahlen musste.

Irène Némirovsky: Das tragische Schicksal einer großen Schriftstellerin

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines jüdischen Bankiers in Kiew/Ukraine geboren. Da ihr Vater auf seine Karriere fixiert war und ihre Mutter ihr keine Beachtung schenkte, wuchs sie unter der Obhut ihrer französischen Gouvernante mit Französisch als zweiter Muttersprache auf.

Flucht nach Paris

Als die Russische Revolution sich zuspitzte, floh sie mit ihren Eltern nach Paris. Ihr Vater, der im Zuge der politischen Wirren fast alles verloren hatte, kam in Frankreich jedoch schnell wieder zu Reichtum, so dass die Familie sehr gut leben konnte. Irène Némirovsky studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab.

1926 heiratete sie Michael Epstein, ebenfalls Russe jüdischen Glaubens, mit dem sie zwei Töchter, Denise und Élisabeth, hatte.

Literarischer Durchbruch mit David Golder und Le Bal

Irène Némirovsky, die schon mit 18 zu schreiben begann, veröffentliche 1929 ihren ersten Roman David Golder und ein Jahr darauf ihre bekannte Novelle Le Bal, mit der ihr endgültig der literarische Durchbruch gelang und sie zum Star der Pariser Literaturszene avancierte. Sie veröffentlichte dann in schnellen Abständen noch viele weitere Romane, die zum Teil auch verfilmt wurden.

Für immer staatenlos

Obwohl sie in Frankreich nun eine angesehene Schriftstellerin war, verweigerte man ihr die Einbürgerung, was ihr zeigte, dass man sie trotz ihres Erfolgs nicht integrieren wollte. Sie behielt somit auch ihren Status als Staatenlose. Darüber hinaus bemerkte sie mit großer Sorge den stetig wachsenden Antisemitismus und beschloss, gemeinsam mit ihren Töchtern 1939 zum Christentum zu konvertieren.

Ausbruch des 2. Weltkriegs: Irène Némirovskys letzte Jahre

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, brachte Irène Némirovsky zunächst ihre Kinder in Sicherheit - ins ländliche Issy-l'Éveque. Als 1940 die Judengesetze der Vichy-Regierung dazu führten, dass ihr Mann nicht mehr arbeiten und sie ihre Romane nicht mehr veröffentlichen durfte, floh sie mit ihm ebenfalls nach Issy-l'Éveque zu ihren Kindern. Ihre Ängste, ihr Entsetzen, ihre Erlebnisse und Gedanken hielt sie in ihrem Roman Suite française fest, den sie leider nicht mehr vollenden konnte. 1942 wurde Irène verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie am 17. August völlig entkräftet starb. Ihr Mann, der verzweifelt versucht hatte, ihre Freilassung zu erreichen, wurde ebenfalls in Auschwitz ermordet.

Suite française: Ihr letztes unvollendetes Werk

Irène Némirovsky hatte ihr Schicksal wohl vorausgeahnt und benannte einen Vormund für ihre Töchter, der sie in Klöstern und Höhlen versteckte. Beide Töchter überlebten so das Grauen des Krieges. Den letzten unvollendeten Roman ihrer Mutter, Suite française, behielten die Schwestern in einem Koffer immer bei sich. Er wurde 2004 in Frankreich veröffentlicht und war so ein großer Erfolg, dass er postum mit dem renommierten Literaturpreis Prix Renaudot ausgezeichnet wurde1.

Originalausgabe: Némirovsky, Irène. Chaleur du sang. Paris: Éditions Denoel, 2007.
Deutsche Ausgabe: Némirovsky, Irène. Leidenschaft. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. München: Albrecht Knaus Verlag/Random House GmbH, 2009.
Bildquelle: www.randomhouse.de
1Biografie-Quelle: Special über Irène Némirovsky
http://www.randomhouse.de/Special_zu_Irene_Nemirovsky/aid32806.rhd

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