23. Juni 2015

Liebe im Verborgenen

François Lelord:
Die kleine Souvenirverkäuferin

Berührender Roman mit asiatischer Tiefe

Dieser stille und einnehmende Roman von François Lelord hat mich völlig in seinen Bann gezogen. Es ist das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, und ich bin immer noch begeistert von dieser bewegenden Lektüre. Lelords Geschichte, die im Vietnam der 90er Jahre spielt, hat auch etwas charakteristisch Asiatisches: Sie ist fließend wie ein ruhiger Fluss und gleichzeitig so mitreißend, tiefgreifend und aussagestark, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Lelord schreibt mit einem profunden Wissen über die asiatische Mentalität und bringt uns die uns so fremden Sitten und Gebräuche und vor allem die asiatische Lebensphilosophie näher. Dies gelingt ihm meisterhaft.

Ein französischer Arzt in Vietnam

Als dem jungen, unangepassten Arzt Julien in Paris eine Universitäts- und Wissenschaftskarriere unmöglich gemacht wird, weil er sich weigert, Forschungsergebnisse für einen bedeutenden Pharmakonzern "aufzuhübschen", nimmt er eine Tätigkeit als Botschaftsarzt in Hanoi/Vietnam an. Das Land und seine Traditionen erscheinen ihm zunächst völlig fremd, doch schon bald fühlt er sich mit den Menschen, die zumeist in tiefer Armut leben, sehr verbunden. Er genießt seine alltäglichen Rituale, die er sich selbst geschaffen hat: Den Spaziergang um den See des zurückgegebenen Schwertes oder den Mangosaft in einem kleinen Art-Déco-Pavillion. Das einzige Problem ist für ihn die komplexe Sprache, die sich ihm einfach nicht erschließt. Auch sein regelmäßiger Sprachunterricht bei seiner Lehrerin Hoa (Vietnamesisch: Blume), die er in Madame Fleur umtauft, ist nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Doch langsam zeichnen sich auch bei ihm Fortschritte ab. Seine Freundschaft und enge Verbundenheit mit Professor Dang, Chefarzt des größten Krankenhauses der Stadt, und Gesundheitsattaché Brunet, Arzt mit Militärlaufbahn und einem Faible für asiatische Schönheiten, tragen ebenfalls dazu bei, dass er sich in Hanoi bald sehr heimisch fühlt.

Schicksalhafte Begegnung mit Herbstlicht

Auf einem seiner Spaziergänge um den See begegnet Julien einer kleinen Souvenirverkäuferin, Min Thi (Vietnamesisch: Herbstlicht), die im Gegensatz zu den anderen Verkäufern noch die traditionelle Bekleidung mit Kegelhut trägt. Da es in dieser Gegend von Souvenirverkäufern aber nur so wimmelt und diese auch sehr penetrant und lästig sind, verscheucht Julien auch diese Verkäuferin mit einer unfreundlichen Geste. Dies bereut er in dem Moment, als er ihr gekränktes Gesicht und ihren sofortigen Rückzug bemerkt. Min Thi geht Julien nicht mehr aus dem Kopf, er fühlt sich sehr zu ihr hingezogen und ihre Anmut und Natürlichkeit betören ihn. Die Situation ist jedoch problematisch, denn zum einen ist eine Beziehung zwischen einem Ausländer und einer Einheimischen ein unausgesprochenes Tabu. Zum anderen macht die sehr strikte Polizei mehr und mehr Jagd auf die Straßenverkäufer, da man den offenen Verkauf, der am Rande der Legalität ist, eindämmen möchte. Wie soll er sie also wiederfinden?

Ein mysteriöser Virus

Doch noch bevor Julien weiter darüber nachdenken kann, erkrankt eine der Krankenschwestern an einem rätselhaften Virus, der einen tödlichen Verlauf nimmt. Als bald darauf noch weitere Schwestern erkranken, versucht Julien in Zusammenarbeit mit Prof. Dang mit Hochdruck, den Erreger zu finden. Als man erste Spuren des Virus zu einer entlegenen Bergregion zurückverfolgen kann, fährt Julien zusammen mit seiner Ex-Freundin und Virenspezialistin Clea, die ihn immer noch liebt, dorthin, um Blutproben zu nehmen. Doch diese Reise nimmt ein folgenschweres Ende. Als Julien und Clea zurückkehren, beginnt für sie ein Wettlauf mit der Zeit, denn die Krankheitsfälle häufen sich. Sie versuchen mit allen Mitteln, den Ausbruch einer Epidemie in Hanoi zu verhindern - dies auch unter wachsendem Druck des Staates, der keine fremde Einmischung wünscht.

Zwei Welten

Gleichzeitig versucht Julien alles, um Min Thi wiederzusehen und den Kontakt zu ihr gegen alle Widerstände aufrechtzuerhalten, während Min Thi, die seine Gefühle erwidert, verzweifelt versucht, auch weiterhin den Unterhalt für ihre arme Familie bestreiten zu können. Doch die Welten, die sie trennen, scheinen unüberwindbar, ihre Liebe hat nur Raum im Verborgenen. Aber Julien und Min Thi sind nicht bereit, ihre zarte Romanze aufzugeben, bis etwas Unvorhergesehenes geschieht, das ihre Welt ins Wanken bringt...

Aufschlussreicher Einblick in die asiatische Seele

Die kleine Souvenirverkäuferin ist viel mehr als eine zauberhafte Liebesgeschichte. Durch den Roman lernt man nicht nur sehr viel über Vietnam, sondern erhält auch einen aufschlussreichen Einblick in die asiatische Seele und die spezielle Lebensphilosophie, von der wir meines Erachtens noch viel lernen können. Er ist eine tiefe Zuneigungsbekundung an ein Land, das durch viele Kriege erschüttert wurde, aber dessen Menschen trotz allem unerschütterlich ihr Schicksal annehmen. Der Roman regt sehr zum Nachdenken an, denn er nimmt uns mit auf eine stille Reise, die uns lehrt, was wirklich wichtig ist.

François Lelord: Französischer Schriftsteller und Psychiater zwischen zwei Welten

François Lelord wurde 1953 in Paris geboren. Er studierte Medizin und Psychologie und ließ sich nach seiner Promotion, nach einjährigem Aufenthalt als Post-Doktorand an der University of California und mehrjähriger Tätigkeit als Oberarzt am Hôpital Necker mit seiner eigenen Praxis 1989 in Paris nieder. 1996 gab er die Praxis jedoch wieder auf und beriet Unternehmen und Institutionen zu den Themen Stressbewältigung, Arbeitszufriedenheit etc. Lelord reist mit Begeisterung, seine besondere Liebe gilt Asien. So arbeitete er viele Jahre als Psychiater in der französischen Klinik in Hanoi/Vietnam. Mit seiner Frau, einer Vietnamesin, lebt er heute abwechselnd in Paris und Thailand, wo er als Psychiater für die Stiftung Alain Carpentier tätig ist.

Internationaler Durchbruch mit Hector

Sein internationaler Duchbruch gelang ihm 2002 mit seiner Buchreihe um den jungen intellektuellen Psychiater Hector (Erstveröffentlichung: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück), die in Frankreich die Bestseller-Listen eroberte und in 14 Ländern erschien. In Deutschland fanden seine Romane besonderen Anklang und wurden mit über 1,5 Mio. verkauften Exemplaren sogar ein noch größerer Erfolg als in Frankreich. Sein mittlerweile sechstes Hector-Buch mit dem Titel Hector fängt ein neues Leben an ist 2014 erschienen und wurde von den Lesern wieder begeistert angenommen. 

François Lelord hat keine eigene Website. Ein älteres Interview mit dem Schriftsteller, das zusätzliche interessante Informationen über ihn enthält, findet ihr unter dem Link Interview auf kultur-base.de vom 1. Mai 2012.

Originalausgabe: Lelord, François. La Petite Marchande de Souvenirs. Paris: JC Lattès, 2011.
Deutsche Ausgabe: Lelord, François. Die kleine Souvenirverkäuferin. Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch. München: Piper Verlag GmbH, 2012.
Bildquelle: www.piper.de

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