9. August 2015

Die Dekadenz des "Jazz Age"

F. Scott Fitzgerald:  
Der große Gatsby

Grandioser Klassiker der amerikanischen Moderne

Dieser Roman war der erste amerikanische Klassiker, mit dem ich mich zu Beginn meines Studiums beschäftigen musste, und er hat mich derart begeistert, dass ich nach und nach sämtliche Werke von F. Scott Fitzgerald gelesen habe. Sein einzigartiger Sinn für Sprache, sein außergewöhnlicher Schreibstil und seine unvergleichlichen Charaktere zeichnen ihn als brillanten Schriftsteller mit Weltrenommee und als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit der Künste und des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie Fitzgerald. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Sinnleere härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich - damals wie heute - als Trugschluss erwiesen.

Nick Carraway: Yale-Absolvent im neureichen West Egg

Der Erzähler von Der große Gatsby ist Nick Carraway, ein junger Mann aus Minnesota, der im Sommer 1922 nach New York zieht, um dort als Wertpapierhändler Karriere zu machen. Er mietet ein Haus in West Egg/Long Island, eine recht unpopuläre Gegend, in der hauptsächlich Neureiche leben, die ihren Luxus ungeniert zur Schau stellen. Nicks Nachbar ist der undurchsichtige, megareiche Jay Gatsby, um dessen Herkunft sich zahlreiche Gerüchte ranken. Seine extravaganten, glamourösen Parties, die er auf seinem gigantischen Anwesen ausrichtet, sind legendär.

Familienbande der gehobenen Klasse

Nick fühlt sich wie ein Misfit, der eigentlich gar nicht dort hinpasst. Er hat einen Abschluss in Yale und darüber hinaus Verbindungen zur etablierten gehobenen Klasse in East Egg/Long Island, die über die Neureichen die Nase rümpft. Dort besucht er eines Abends seine Cousine Daisy und ihren reichen Mann, Tom Buchanan, ein Studienkollege von Nick, und lernt außerdem Jordan Baker kennen, eine erfolgreiche Golferin und bildschöne Zynikerin. Jordan verrät Nick, dass Tom eine Geliebte namens Myrtle Wilson hat, die mit ihrem Mann in einer schäbigen Industriegegend, Valley of Ashes, lebt.

Der mysteriöse Nachbar auf Long Island

Eines Tages erhält Nick zu seiner großen Freude eine Einladung zu einer von Gatsbys Parties, wo er auch Jordan Baker wiedersieht, mit der er eine romantische Affäre beginnt. Und dann endlich trifft er auch den mysteriösen Gatsby, ein überraschend junger Mann mit englischem Akzent, der jeden "Old Sport" nennt. Er lässt Nick durch Jordan ausrichten, dass er Daisy von früher kennt und sie seine große Liebe ist. Er möchte sie unbedingt wiedersehen und bittet Nick, ein Treffen zu arrangieren. Nick lädt Daisy zu sich zum Tee ein, erwähnt aber nicht, dass Gatsby auch dort sein wird. Als die beiden aufeinandertreffen, ist Daisy zunächst schockiert, doch ihre Gefühle für Gatsby erwachen erneut, und sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre.

Jay und Daisy: Eine schicksalhafte Liebe

Doch das geheime Verhältnis der beiden bleibt nicht lange unentdeckt. Daisys gewalttätiger, misstrauischer Mann Tom schöpft bei einem gemeinsamen Essen sofort Verdacht, als er sieht, welche Blicke die beiden austauschen. Bei einem Trip nach New York stellt er Gatsby wutentbrannt zur Rede und erzählt Daisy, dass Gatsby ein Krimineller sei, der sein Vermögen mit Alkoholschmuggel und anderen dubiosen Aktivitäten gemacht hat. Daisy wendet sich daraufhin wieder Tom zu, da er der Upper Class angehört, was ihr letztendlich am wichtigsten ist. Tom teilt ihr jedoch unwirsch mit, sie solle mit Gatsby nach West Egg zurückfahren, während er sich mit Nick und Jordan auf den Weg macht. Doch dann geschieht ein folgenschwerer Unfall, der alles zunichte macht und Gatsbys Schicksal besiegelt... 

Gatsby: Undurchsichtiger Self-Made Man und sein verklärter Traum von Liebe

Mit Jay Gatsby ist F. Scott Fitzgerald eine einzigartige Romanfigur gelungen, die auf den ersten Blick die Verkörperung des American Dream zu sein scheint. Jung, gut aussehend und erfolgreich hat sich Jay Gatsby, der Junge aus ärmlichen Verhältnissen mit zweifelhafter Herkunft, einfach neu erfunden. Doch was macht Gatsby "groß"? Es ist nicht nur sein kometenhafter Aufstieg von Rags to Riches, sondern seine Fähigkeit, seine Träume in die Realität umzusetzen. Aber trotz seines unermesslichen Reichtums ist die innere Leere geblieben wie auch die Hoffnung auf Liebe, die er mit Daisy zu finden glaubt. Doch die Frau seiner Träume ist oberflächlich und wählt ihre Männer nach Reichtum und gesellschaftlichem Standing aus. Ein trauriges Fazit, dass er bis zum Ende nicht ziehen will, sondern sich lieber an die Traumvorstellung, die er von Daisy hat, klammert. Dies markiert für Gatsby den Anfang vom Ende, denn wie der einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierende amerikanische Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde, so scheitert auch Gatsby letzten Endes an seiner verklärten Sicht eines Traums von Liebe, den die Wirklichkeit längst eingeholt hat.

Drei sehenswerte Verfilmungen

Der große Gatsby ist bereits einige Male verfilmt worden. Ich möchte euch hier kurz drei Verfilmungen vorstellen, die ich für sehenswert halte. Die meisten von euch werden den Klassiker von 1974 mit Robert Redford, Mia Farrow und Sam Waterston unter der Regie von Jack Clayton (Drehbuch: Francis Ford Coppola) kennen. Mich hat der Film nicht überzeugt, obwohl alle Hauptdarsteller großartige Schauspieler sind, denn meines Erachtens fehlt hier die o.g. Essenz von Fitzgeralds Werk. Dennoch sollte man ihn gesehen haben, um u.a. die folgenden Verfilmungen besser beurteilen zu können. 

Die zweite Verfilmung mit Toby Stephens, Mira Sorvino und Paul Rudd aus dem Jahre 2000 unter der Regie von John Markowitz ist aus meiner Sicht recht gelungen. Der junge Toby Stephens interpretiert Gatsby vorrangig als romantisch-naiven Helden und lässt seine skrupellose Seite im Hintergrund. Mira Sorvino als oberflächliche Daisy ist ebenfalls gut besetzt. Der Film lebt von schönen Bildern und ist wirklich sehenswert.

Das absolute Highlight der Gatsby-Verfilmungen ist die Version meines Lieblingsregisseurs Baz Luhrmann von 2014 mit Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan und Tobey Maguire. Was für ein grandioses Filmerlebnis! Luhrmann spielt gekonnt mit den vielen Facetten des Gatsby-Charakters und genauso porträtiert ihn auch DiCaprio: weltmännisch, charmant, kaltschnäuzig, dandyhaft, skrupellos und mit einem versteckten Hang zur Romantik, den er nur bei Daisy offenbart. Carey Mulligan ist großartig als Daisy - sie macht es einem sehr schwer, sie zu mögen - so wie es auch im Buch der Fall ist. Gatsbys glamouröse Party setzt Luhrmann so gekonnt in Szene, dass man als Zuschauer - nicht zuletzt dank 3-D-Brille - das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein. Dass der Soundtrack mit Musikgrößen wie Beyoncé, Lana del Rey etc. nicht aus den Roaring Twenties stammt, stört nicht - im Gegenteil: Es ist nicht zuletzt ein versteckter Hinweis darauf, dass die Figur des Gatsby auch durchaus in die heutige Zeit transferiert werden könnte, in der Geld und Luxus zelebriert werden. 

F. Scott Fitzgerald: Meisterhafter amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits einige Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil Fitzgerald angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während Scott mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920  in kurzer Zeit zu einem Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, Scott zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Parties und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die Crème de la crème der bedeutenden Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie ihr Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

Ein Jahr später erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentliches Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern kaum gewürdigt, was sich auch im geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann Fitzgerald, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch und zeigte erste Anzeichen gravierender psychischer Probleme, so dass sie mehrere Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb Zelda ihren einzigen Roman Save Me The Waltz, der von Scribner 1932 veröffentlicht wurde und der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur die luxusbesessene Glamour-Frau an seiner Seite.

Als Scotts 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er daraufhin gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war völlig zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In den letzten Jahren seines Lebens lernte er Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod war.

F. Scott Fitzgerald starb an einem Herzinfarkt im Jahre 1940, als er an seinem neuen Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 auf tragische Weise bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Fitzgeralds einzigartige Romane und ihr literarisches Gewicht wurden erst nach seinem Tode wiederentdeckt, und so erhielt er als einer der besten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten postum den Ruhm, den man ihm zu Lebzeiten versagte.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein ("You are all a lost generation") im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des 1. Weltkriegs prägte und den schon Hemingway als Epigraph in seinem Roman The Sun Also Rises nutzte. F. Scott Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem großartigen Roman This Side of Paradise: "Here was a generation...grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: "...My God, I am a forgotten man"2. Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie unrecht er hatte.

Originalausgabe: Fitzgerald. F. Scott. The Great Gatsby. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010.
Deutsche Ausgabe: Fitzgerald. F. Scott. Der große Gatsby. Aus dem Amerikanischen von Kai Kilian. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2011.
Quelle1: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group,  2010. Seite 259.
Quelle2: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.
Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.
Cover: www.anacondaverlag.com

Kommentare:

  1. Liebe Rosa,

    ich liebe F. Scott Fitzgerald. Zu den Verfilmumgen muss ich sagen, dass ich Leo di Caprio überhaupt nicht mag und daher die Baz Lurman Verfilmung nicht kenne. Obwohl ich Romeo & Juliet von ihm toll finde. Mein Favorit ist die Verfilmung mit Robert Redford.

    Liebe Grüße, Bee

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  2. Liebe Bee,

    herzlichen Dank für Dein Feedback. Ich finde auch, dass Fitzgerald ein toller Schriftsteller war.

    Auch wenn Du DiCaprio nicht magst, die Luhrmann-Verfilmung ist toll. Allein fürs opulente Setting und den Soundtrack lohnt es sich.

    Liebe Grüße

    Rosa

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