15. August 2015

Die Frau in seinem Schatten:
Das tragische Schicksal der Zelda Fitzgerald

Erika Robuck: Call Me Zelda

Im Nachgang zu meiner Vorstellung des Klassikers Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald möchte ich euch auf ein großartiges Buch der amerikanischen Schriftstellerin Erika Robuck aufmerksam machen, deren vorherigen Roman Hemingway's Girl ich im letzten Jahr beim Stöbern in der Mayerschen entdeckt und euch bereits vor einiger Zeit empfohlen habe. Heute stelle ich euch ihr drittes Buch Call Me Zelda vor, das von Zelda Fitzgerald, F. Scott Fitzgeralds Frau, handelt und wieder meisterhaft geschrieben ist.

Erika Robucks Romane: Verknüpfung zweier Welten

Was mir an den Geschichten von Erika Robuck, die sich als historical fiction writer bezeichnet, so gut gefällt, ist, dass sie in ihren Romanen stets zwei Welten miteinander verknüpft - die eines/r berühmten Schriftstellers/in mit der eines "unbekannten" Menschen. Darüber hinaus sind ihre Romane stets exzellent recherchiert, und man erfährt sehr viel über die von ihr ausgewählten literarischen Persönlichkeiten und ihr Leben jenseits ihres Mythos. Sie vermischt Facts & Fiction so geschickt, dass der Leser glaubt, die von ihr erdachte Verknüpfung der beiden Charaktere hätte es wirklich gegeben. Die Schriftsteller/innen, die sie in den Fokus ihrer Romane stellt, sind detailliert skizziert, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit ist brillant eingefangen. Alles in allem bieten Robucks Romane einen einzigartigen - manchmal verstörenden - Blick hinter die schillernde Fassade der literarischen Größen in Verbindung mit einem gelungenen Porträt ihrer Zeit.

Zelda Fitzgerald: Viel mehr als nur ein glamouröses Flapper Girl

Ich habe einige Biografien über F. Scott Fitzgerald gelesen und versucht, mir so ein Bild des exaltierten Schriftstellers zu machen. Seine Frau Zelda wird zumeist auf das glamouröse Flapper Girl reduziert, das als Muse und schmuckes Beiwerk an der Seite ihres berühmten Mannes die Titelseiten schmückt. Nach ihren diversen Nervenzusammenbrüchen und mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken drückte man ihr den Stempel "schizophren" auf und bedauerte ihren Mann, der Tag und Nacht schrieb, nur um ihre Arztrechnungen bezahlen zu können. Ich hätte es bei diesen Informationen belassen, wenn ich nicht die Biografie von Nancy Milford Zelda und Zeldas einzigen, durchscheinend autobiografischen Roman Save Me The Waltz gelesen hätte. Das Bild, das ich hier von Zelda und auch von F. Scott Fitzgerald erhielt, war ein völlig anderes. Es zeigt eine verzweifelte Frau, deren Mann alles tat, damit sie in seinem Schatten blieb, denn Zelda Fitzgerald war nicht nur eine äußerst begabte Balletttänzerin und Malerin - auch als Schriftstellerin war sie - sehr zum Missfallen ihres Mannes - ausgesprochen talentiert. Und so sabotierte F. Scott alle Versuche Zeldas, sich als Künstlerin zu etablieren, bis schließlich nichts mehr von ihr übrig war. Was bleibt sind ihr einzigartiger o.g. sehr aufschlussreicher Roman, ihre Briefe und einige ihrer ungewöhnlichen Bilder, die bereits zu ihren Lebzeiten ausgestellt wurden.

Auf dem Tiefpunkt

Hier setzt auch Erika Robucks Roman an. Der Leser begegnet Zelda auf dem Tiefpunkt ihres Lebens, als sie 1932 in die Phipps Psychiatric Clinic in Baltimore eingeliefert wird. Vom ersten Moment ihrer Begegnung fühlt sich die ihr zugeteilte Krankenschwester Anne Howard auf unerklärliche Weise mit Zelda verbunden, in deren Augen sie eine Leere erkennt, die ihrer eigenen ähnelt. Anne kann den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter nicht verwinden, die sie auf tragische Weise verloren hat, und stürzt sich in die Arbeit, um nicht von ihrer Einsamkeit erdrückt zu werden. Doch trotz ihres Engagements für die psychisch-kranken Menschen, die sie tagtäglich umsorgt, schafft sie es nicht, einen Neuanfang zu wagen. Sie ist völlig ausgebrannt und weigert sich, Erinnerungen zuzulassen. Ihre kleine Wohnung in einem Haus voller Künstler hält sie bewusst karg: Sie stellt keine Bilder ihrer Familie auf - nur ein altes Klavier erinnert an ihren verstorbenen Mann.

Seelenverwandte

Doch die Begegnung mit Zelda bringt Annes so kontrolliert-geordnete Welt ins Wanken. Sie erkennt schnell, dass Zelda nicht die hysterische Schizophrene ist, zu der ihr Mann sie gerne machen möchte. Zelda, die zu niemandem in ihrer Umgebung Kontakt aufbaut, fasst Vertrauen zu Anne. Als Anne merkt, wie schwer es für Zelda ist, ihre Geschichte zu erzählen, bittet sie sie, doch ihr Leben aufzuschreiben. Hierauf lässt sich Zelda ein und gibt Anne immer wieder persönliche Aufzeichnungen, die nur für ihre Augen bestimmt sind. Und so erfährt Anne, wie die unglamouröse Wirklichkeit des Celebrity-Paares aussieht: Scott ist schwerer Alkoholiker, der Zelda am laufenden Band betrügt und auch zur Gewalt neigt, wenn er getrunken hat. Nüchtern ist er angabengemäß der netteste Mann, den man sich denken kann - aber er trinkt fast jeden Tag. Zeldas Talente tut er gerne als Hobbies ab und legt ihr Steine in den Weg, wo er nur kann. Er übernimmt sogar ganze Passagen aus ihrem Tagebuch und baut sie in seine Romane ein. Zelda ist schockiert, denn sie weiß nun, dass es Scott war, der ihr Tagebuch entwendete, das sie lange verzweifelt gesucht hat. Doch es gibt auch liebevolle, sehr vertraute Momente zwischen den beiden, die Anne bei Scotts Besuchen immer wieder beobachten kann. Aber alles in allem bleibt Anne deren turbulente Beziehung ein Rätsel.

Heilende Erinnerungen

Und so langsam schleichen sich gegen Annes Willen lang unterdrückte Erinnerungen an ihren Mann und ihre Tochter ein, die sie schließlich zulässt. Sie stellt Bilder ihrer Lieben auf und spielt sogar auf dem alten Piano. Mit Zelda geht es ebenfalls aufwärts, so scheint es - sie schreibt weiter an ihrem Roman Save Me The Waltz und arbeitet auch mit den Psychiatern, insbesondere mit der aufgeschlossenen Ärztin Mildred Squires, zusammen. Gegen den ausdrücklichen Rat ihres Chefs, der freundschaftliche Beziehungen zwischen Krankenschwestern und Patienten für äußerst gefährlich hält, öffnet sich auch Anne gegenüber Zelda und erzählt ihr von ihrem Leben. Anne hält es für eine gute Idee, Zelda langsam wieder ins normale Leben einzugliedern und schafft es schließlich, selbst ihren skeptischen Chef zu überzeugen. Als Anne merkt, dass dies eine fatale Fehleinschätzung war, versucht sie alles Menschenmögliche, um Zelda zu helfen, aber zu ihrem Entsetzen muss sie erkennen, dass es keinen Weg zurück gibt...

Sehr berührender Roman mit lebensnahen Charakteren

Angesichts der Geschichte könnte man meinen, der Roman habe einen prinzipiell deprimierenden Touch. Doch das ist keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Er ist sehr berührend, aber gleichzeitig auch sehr lebendig, denn die Charaktere sind sehr lebensnah. Die tragische Geschichte Zeldas geht ans Herz, aber mitzuerleben, wie Anne aus ihrer selbstgewählten Isolation wieder neuen Lebensmut fasst und ein neues Glück findet, ist wunderbar. Für mich ist Call Me Zelda ein absolutes Must Read.

Bislang ist keiner von Erika Robucks Romanen ins Deutsche übersetzt worden, was mir völlig unverständlich ist. Ich bin mir sicher, dass sie auch hier bei uns sehr erfolgreich wären. Wer über gutes Schulenglisch verfügt, sollte sich auf jeden Fall an ihre Bücher trauen. Sie sind wirklich außergewöhnlich gut. Ich habe ihre völlig unterschiedlichen Romane alle gelesen und warte immer schon mit Spannung auf den neuesten. 

Erika Robuck: Bemerkenswerte Schriftstellerin mit einem Faible für Geschichte 

Die US-amerikanischen Schriftstellerin Erika Robuck wurde in Annapolis/Maryland geboren. Sie ist eine begeisterte Leserin und hat ein besonderes Faible für Geschichte. Ihr erstes Buch Receive Me Falling, dessen Veröffentlichung im Jahre 2009 sie selbst finanzierte, zählte zu den Finalisten des Best Book Awards der USA Book News im Bereich Historical Fiction. Der schriftstellerische Durchbruch gelang ihr 2012 mit Hemingway's Girl. 2013 folgte ihr hier besprochener Roman Call Me Zelda und 2014 Fallen Beauty, der von der faszinierend exzentrischen Dichterin Edna St. Vincent Millay handelt. Im Mittelpunkt ihres neuesten Buches The House of Hawthorne, der dieses Jahr erschienen ist, steht der renommierte amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne, der mit The Scarlett Letter (Der scharlachrote Buchstabe) 1850 einen der bedeutendsten Klassiker der amerikanischen Literatur schuf. 

Begeisterte Bloggerin

In ihrem Blog Muse bespricht Erika Robuck historische Romane. Sie schreibt außerdem für den Fiction Blog Writer Unboxed und ist Mitglied der Historical Novel Society, der Hemingway Society, der Millay Society und der Hawthorne Society.

Weitere Informationen über Erika Robuck findet ihr unter www.erikarobuck.com. Ihr könnt der Autorin auch auf Twitter unter @ErikaRobuck folgen. Sie gibt tolle Literaturtipps - ich habe schon einige ihrer Buchempfehlungen gelesen und war begeistert, denn auf diese Bücher wäre ich so nie gestoßen.

Originalausgabe: Robuck, Erika. Call Me Zelda. New York: Penguin Group/New American Library, 2013.
Book Cover: http://www.penguinrandomhouse.com/books/310633/call-me-zelda-by-erika-robuck/
Quelle 1 über Zelda Fitzgeralds Leben: Milford, Nancy. Zelda - A Biography. New York: Harper Perennial - Modern Classics, 2001.
Quelle 2: Fitzgerald, Zelda. Save Me The Waltz. London: Vintage Classics/Penguin Random House Group, 2011.

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