29. August 2015

Die Überlebende

Michel Bussi 
Das Mädchen mit den blauen Augen

Ein ganz besonderer Roman mit Sogwirkung

Dieser hochspannende, tragische und sehr berührende Roman von Michel Bussi ist ein ganz besonderes Leseerlebnis. Die ungewöhnliche Geschichte entwickelt gleich zu Beginn eine derartige Sogwirkung, dass man als Leser nicht anders kann, als sich uneingeschränkt auf sie einzulassen und sie bis zum völlig überraschenden und absolut unvorhergesehenen Ende nicht mehr aus der Hand zu legen.

Dies ist der erste Roman von Michel Bussi, den ich gelesen habe, und es wird definitiv nicht der letzte sein. Es gibt zwar viele gute Kriminalautoren, aber nur wenige, die Bussis literarische Ausdruckskraft haben. Er ist für mich ein wahrhaftes Ausnahme-talent in einem populären Genre, das für meinen Geschmack zu überfüllt ist.

Eine schreckliche Katastrophe und ein kleines Wunder

Die Geschichte beginnt 1980, als eine entsetzliche Flugzeugkatastrophe das vorweihnachtliche Jura erschüttert. Der Airbus 5403 von Istanbul nach Paris kollidiert mit einem Bergmassiv und explodiert. Alle 145 Passagiere sterben auf schreckliche Weise. Als die Rettungskräfte am Unfallort eintreffen, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Doch zwischen all den Toten macht ein Feuerwehrmann eine unglaubliche Entdeckung: Unter den Trümmern liegt ein kleines Baby, leicht verfroren, aber beinahe unverletzt. Nach öffentlicher Bekanntgabe dieses Wunders meldet sich der Großvater, Léonce de Carville, einer der mächtigsten Industriebosse Frankreichs, dessen Sohn Alexandre, Schwiegertochter Véronique und Baby-Enkelin Lyse-Rose de Carville an Bord der Unglücksmaschine waren. Doch als er seine Enkelin aus dem Krankenhaus abholen möchte, geht ein zweiter Anruf ein: Pierre Vitral, Imbissbudenverkäufer aus der Normandie, dessen Sohn Pascal, Schwiegertochter Stéphanie und Baby-Enkelin Emilie Vitral ebenfalls im Flugzeug waren. Schnell stellt man fest, dass auf der Passagierliste zwei Babys standen. Doch wer ist das überlebende Mädchen? Da es zur damaligen Zeit noch keine DNA-Analyse gab, scheint es unmöglich herauszufinden, zu welcher Familie das überlebende Baby mit den stechend blauen Augen gehört. Dies ist vor allem ein gefundenes Fressen für die Presse, die eine Schlagzeile nach der anderen bringt, als die Angelegenheit schließlich vor Gericht landet.

Ein Privatdetektiv auf der Suche nach der Wahrheit

Léonce de Carville versucht mit viel Geld und Einschüchterung, den Fall zu gewinnen, denn er ist überzeugt, dass es seine Enkeltochter Lyse-Rose ist, die die Katastrophe überlebte. Doch die Öffentlichkeit wendet sich auf einmal gegen ihn, den skrupellosen reichen Mann, der meint, mit Geld alles kaufen zu können. Seine Frau Mathilde engagiert schließlich den Privatdetektiv Crédule Grand-Duc, der Licht ins Dunkel bringen soll. Doch seine langjährige Suche verläuft im Sande und so beschließt er - ausgebrannt und verzweifelt - seinem Leben 18 Jahre danach ein Ende zu setzen. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er für das überlebende Mädchen, das sehr mit ihrer ungewissen Herkunft hadert, in einem Exposé zusammengefasst und wirft es an ihrem 18. Geburtstag in ihren Briefkasten. Doch gerade als er sich eine Kugel in den Kopf jagen will, fällt sein Blick auf die alte Zeitung mit der damaligen Schlagzeile, die ihm einen entscheidenden Hinweis auf die Wahrheit über die Identität des Babys gibt. Dieses Detail war ihm nie aufgefallen, obwohl er die Zeitung unzählige Male gelesen hatte. Voller Tatendrang macht er sich daran, seine Recherchen wieder aufzunehmen, aber dazu kommt es nicht mehr: Man findet ihn bald darauf tot in seiner Villa - brutal ermordet und völlig entstellt. Doch Marc, der Bruder des überlebenden Mädchens, das direkt nach ihrem 18. Geburtstag überstürzt ihr Zuhause verlassen hat, ist wild entschlossen, Grand-Ducs Recherchen zum Abschluss zu bringen, um die Identität seiner Schwester endgültig zu klären, nicht ahnend, dass er sich dabei in Lebensgefahr begibt, denn der Killer ist ihm bereits auf der Spur...

Viel mehr als ein atemberaubender Krimi

Ich habe in meiner o.g. Inhaltsbeschreibung bewusst den Namen des Mädchens nicht erwähnt, weil ich euch den Ausgang der Gerichtsverhandlung nicht verraten möchte. Zum anderen gibt es so viele unvorhergesehene Wendungen und Ereignisse, die ihr beim Lesen selbst entdecken müsst, denn sonst ist ja jegliche Spannung dahin. Und dieser Roman ist wirklich atemberaubend. Natürlich ist er in erster Linie ein Krimi, aber er hat auch eine Vielzahl von Facetten, die aus dem Genre fallen. Die scheinbar aussichtslose Identitätssuche des Mädchens steht zwar im Vordergrund, aber Bussi thematisiert auch die immer größer werdenden Klassenunterschiede der Gesellschaft, die Macht des Geldes und den damit einhergehenden wachsenden Einfluss der immens Reichen sowie die ihm gegenüberstehende Machtlosigkeit der Armen. Doch Bussi arbeitet nicht mit verblichenen Klischees: Er hält der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vor und zeigt eine Realität, die wir zwar kennen, aber nur ungern wahrhaben wollen. Aber an der Wahrheit kommt niemand vorbei - weder seine Romanfiguren noch seine Leser. 

Michel Bussi: Politologe, Geografie-Professor und Bestseller-Autor

Michel Bussi wurde 1965 in Louviers geboren. Er hat eine Professur in Geografie und lehrt an der Universität von Rouen. Still und leise ist der medienscheue Autor zum neuen Star der französischen Literaturszene avanciert. Die renommierte französische Zeitung Le Figaro listete ihn im letzten Jahr sogar auf Platz 8 der meistgelesenen französischen Schriftsteller. Allein in 2013 wurden 500.000 von Bussis Romanen, die mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt werden, verkauft.  

Internationaler Durchbruch mit Das Mädchen mit den blauen Augen

Dabei kam seine Schriftsteller-Karriere nur sehr schleppend in Gang. Seine ersten Romanversuche in den 90er Jahren wurden von den Verlagen höflich abgelehnt. Als er 2005 nach Rom fuhr, um dort mit vielen anderen begeisterten Touristen auf den Spuren von Dan Browns Da Vinci Code zu wandeln, las er gleichzeitig eine Neuedition von Maurice Leblancs Geschichten um Meisterdetektiv Arsène Lupin. Und so kam ihm auch die Idee zu seinem ersten Roman Code Lupin, der in der Normandie, Bussis Lieblingsregion in Frankreich, spielt. Sein Erstlingswerk wurde von einem lokalen Universitätsverlag schließlich akzeptiert und 2006 veröffentlicht. Der internationale Durchbruch gelang ihm allerdings erst 2012 mit dem hier vorgestellten Roman Das Mädchen mit den blauen Augen.

Bussis Spezialität: Pageturner auf hohem Niveau

Bussi ist, wie viele Kriminalschriftsteller, ein großer Fan von Agatha Christie. Aber auch Autoren wie Ray Bradbury und insbesondere Serge Brussolo zählen zu seinen literarischen Vorbildern. Sein bevorzugtes Genre ist und bleibt der roman populaire. Auch bei seinen eigenen Romanen legt er großen Wert darauf, dass sie sehr dynamisch, das heißt fesselnd und schnell lesbar, aber gleichzeitig auf hohem Niveau sind. Seine Romanentwürfe gibt Bussi, der in einem unscheinbaren Stadtteil von Rouen lebt, sowohl an seine Professoren-Kollegen als auch an seine Arbeiter-Freunde weiter, da er auf deren Meinung großen Wert legt.

Auch in Deutschland auf Erfolgskurs

Bisher sind nur zwei Werke von Michel Bussi ins Deutsche übersetzt worden: Das Mädchen mit den blauen Augen (Un avion sans elle) und Die Frau mit dem roten Schal (N'oublier jamais). Letzterer Roman ist gerade in Deutschland erschienen und liegt schon auf meinem Stapel der noch ungelesenen Bücher. Sein neuestes Buch Maman a tort ist im Mai dieses Jahres in Frankreich publiziert worden. Ich hoffe, dass man ein Einsehen mit den deutschen Bussi-Fans hat und auch diesen Roman übersetzt, denn Bussis meisterhafter Schreibstil macht ihn zu einer ganz besonderen Neuentdeckung für die deutschen Leser.

Weitere Informationen über Michel Bussi findet ihr auf seiner Website www.michel-bussi.fr.

Originalausgabe: Bussi, Michel. Un avion sans elle. Paris: Éditions Presses de la Cité, 2012.
Deutsche Ausgabe: Bussi, Michel. Das Mädchen mit den blauen Augen. Aus dem Französischen von Olaf Matthias Roth. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2015.
Informationen über Michel Bussi:
Artikel von David Caviglioli: Michel Bussi, la nouvelle star. In: Le Nouvel Observateur. 23.02.2014:
http://bibliobs.nouvelobs.com/romans/20140220.OBS7143/michel-bussi-la-nouvelle-star.html

Mein herzlicher Dank gilt dem Aufbau-Verlag, Berlin, der mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Kommentare:

  1. Das Buch klingt wirklich toll! Ich habe mir das soeben gekauft und bin gespannt, ob ich auch so begeistert sein werde :-)

    Liebe Grüße
    Sarah

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  2. Liebe Sarah,

    wie schön, da freue ich mich. Das Buch ist auch toll. Ich habe es zwei Freundinnen geliehen, denen es auch sehr gut gefallen hat.

    Ich bin gespannt, wie Du es findest.

    Liebe Grüße

    Rosa

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    1. Liebe Rosa,

      das Buch war wirklich toll und ich werde auch das zweite Buch von dem Autor lesen :-)

      Ich bin wirklich sehr begeistert; auch wenn das Ende für mich dann doch etwas vorhersehbar war.

      Liebe Grüße
      Sarah

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  3. Liebe Sarah,

    toll, dass Dir das Buch gefallen hat.

    Bussis neuester Roman liegt auch bei mir noch auf meinem SUB. Aber das muss noch ein Weilchen warten.

    Mit dem Vorhersehbaren ist es bei mir immer so eine Sache - entweder ich errate es sofort oder erst ganz am Ende. Egal - Hauptsache das Buch ist gut.

    Liebe Grüße

    Rosa

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