1. August 2015

Dunkle Geheimnisse

Stephanie Lam: Das Haus der Lügen

Außergewöhnliches Erstlingswerk

Stephanie Lams Erstlingswerk ist ein außergewöhnlicher historischer Roman, dessen mysteriöse und fesselnde Geschichte sich in zwei Handlungssträngen entfaltet. Dieser Erzählstil gefällt mir sehr, denn ich mag es, wenn Vergangenheit und Gegenwart abwechselnd in Bezug zueinander gestellt werden. Dies ist Stephanie Lam bestens gelungen. Die von ihr erdachten Charaktere sind bis ins Detail ausgereift und beinahe lebensecht. Darüber hinaus hat die Autorin die spezielle Atmosphäre der unterschiedlichen Epochen - 1924 und 1965 - so brillant eingefangen, dass man als Leser ganz leicht zwischen den Zeiten wechseln kann und immer wieder in eine neue Geschichte eintaucht, bis alles zu einem stimmigen Ganzen zusammenfliesst. Alles in allem ist Das Haus der Lügen sehr packend und unterhaltsam mit einigen überraschenden Wendungen, die dazu verleiten, das Buch in einem Zug zu lesen.

Spuren der Vergangenheit

Die erste Geschichte des Romans spielt 1965 in der Küstenstadt Helmstone. Die 18-jährige Rosie Churchill, die überstürzt ihr Elternhaus verlassen hat, mietet sich in der einstmals glamourösen, aber mittlerweile heruntergekommenen Villa am Meer -  Castaway House - ein, wo sie sich ein Zimmer mit Val und Susan teilt. Da das Geld knapp ist und sie ihre Miete kaum zahlen kann, hilft sie Mrs. Hale, der Tochter des Dorfarztes, in deren kleiner Pension. Sie freundet sich mit Johnny und seiner Freundin Star, der Enkelin der mysteriösen Hausbesitzerin, an, die noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Nur langsam gewöhnt sich Rosie an ihre neue Umgebung - die Anrufe ihrer Mutter ignoriert sie, was niemand nachvollziehen kann. Da trifft sie den alten, verwirrten Dockie, ebenfalls Mieter in Castaway House, der nach Spuren seiner Vergangenheit sucht. Er war vor Jahren bewusstlos an den Docks gefunden worden ohne jegliche Erinnerung daran, wer er ist bzw. wie er dort hingelangte. Daher rührt auch sein Name Dockie. Er trägt immer ein sehr altes Foto bei sich, das Rosie seltsamerweise zu kennen glaubt. Als sie dann noch unter dem Fensterbrett ihres Zimmers die rätselhafte Einritzung Robert Carver ist unschuldig entdeckt, ist sie entschlossen, Dockie zu helfen, sein Erinnerungsvermögen zu reaktivieren. Doch überall stösst sie auf eine Mauer des Schweigens und ein Geheimnis, dessen Aufdeckung auch ihr Leben verändern wird...

Fatale Liebe

Schauplatz der zweiten Geschichte ist ebenfalls Helmstone im Jahre 1924. Der 19-jährige Robert Carver fährt zu seinem Cousin Alec Bray und seiner Frau Clara, um dort in Castaway House, deren imposante Villa auf den Klippen, den Sommer zu verbringen und sein Asthma auszukurieren. Doch der Empfang ist alles andere als herzlich: Alec, ein Bonvivant, der nicht mit Geld umgehen kann, vergisst, Robert am Bahnhof abzuholen und seine Frau Clara, von deren Existenz Robert bis dahin gar nichts wußte, teilt ihm unverblümt mit, dass sie ihn für einen Schmarotzer hält. Robert ist außer sich über die unverschämte Bemerkung, doch er genießt die Sommerzeit, zumal seine Gesundheit sich deutlich verbessert. Doch die Spannungen zwischen Alec und Clara werden immer größer, und ihre Auseinandersetzungen, bei denen Robert oftmals anwesend ist, häufen sich. Als Clara Castaway House immer öfter fernbleibt, ist Robert überzeugt, dass sie Alec betrügt, und so verfolgt er sie, um sie in flagranti zu erwischen. Doch zu seiner großen Überraschung entdeckt er, dass sich hinter Claras schroffer Fassade ein völlig anderer Mensch verbirgt, der ihm sogar sehr ähnlich ist. Robert fühlt sich gegen seinen Willen mehr und mehr zu ihr hingezogen, auch wenn er weiß, dass seine Liebe niemals eine Zukunft haben wird. Auch Robert ist Clara nicht gleichgültig, und so kommt es zu einer verhängnisvollen Affäre, die für alle dramatisch endet... 

Brillante Charaktere im Spiegel der Zeit

Dieser Roman lebt von den brillant gezeichneten Charakteren. Meines Erachtens sind Robert und Clara am besten gelungen. Ihre tragische Liebesgeschichte ist unkonventionell und sehr anrührend, aber niemals kitschig. Auch Alec als reicher Taugenichts ist sehr gut porträtiert, ebenso Rosie, deren kopflose Flucht aus dem Elternhaus einen schmerzlichen Hintergrund hat. Die mysteriöse Figur des alten Dockie, der zwischen Verwirrtheit und Erinnerung schwankt, ist in ihrer Widersprüchlichkeit besonders ansprechend. Dem Leser ergeht es wie Rosie: Er möchte unbedingt das Geheimnis um Dockies Identität entschlüsseln und begibt sich mit auf Spurensuche. Was er am Ende dann herausfindet, ist mehr als überraschend und lässt die exzellent konzipierte Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen.

Stephanie Lam: Ambitionierte Debüt-Autorin mit berühmtem Vorbild

Stephanie Lam wurde als Tochter einer Engländerin und eines Chinesen in London geboren, wo sie auch aufwuchs. Sie lebt heute in Brighton und unterrichtet hauptberuflich Englisch am Tinsley House Immigration Removal Centre.

Über ihre 14-jährige Durststrecke als Schriftstellerin bis hin zur Publikation von Das Haus der Lügen bei Penguin hat Stephanie Lam sehr ausführlich und ansprechend im Waterstones Blog berichtet. Mir war zwar bewusst, dass es für angehende Schriftsteller ein steiniger Weg ist, bis ein Verlag endlich ein Buch akzeptiert, aber dass es ein so langwieriger Prozess ist, dessen Erfolg stets davon abhängt, ob dem entsprechenden Literaturagenten die Geschichte nun gefällt oder nicht, hätte ich nicht gedacht. Vor diesem Hintergrund ist Stephanie Lams Durchhaltevermögen sehr beeindruckend. Aufzugeben war für sie nie eine Option, und am Ende hat sich ihre Hartnäckigkeit ausgezahlt. Hier der Link zum Blogartikel: https://www.waterstones.com/blog/fourteen-years-to-become-a-debut-novelist.

Zu den literarischen Vorbildern der Autorin zählt insbesondere Agatha Christie, deren Schreibstil, intelligente Plots und Sinn für Humor sie sehr schätzt. Lam bewundert auch Christies speziellen Sinn für Sprache, der sich ihres Erachtens dadurch auszeichnet, dass kein Wort verschwendet wird.

Ein absolutes Steckenpferd der Autorin ist das Erfinden fiktiver Städte wie z.B. Helmstone, die Stadt am Meer in ihrem hier vorgestellten ersten Roman. Ihr Tick geht sogar so weit, dass sie auch immer einen kompletten Stadtplan für die erdachte Stadt anfertigt (siehe Interview in Paragraph Planethttp://www.paragraphplanet.com/stephanie_lam_interview.php).

Stephanie Lam schreibt derzeit an einem neuen Roman, der wieder ein Pageturner werden soll.

Originalausgabe: Lam, Stephanie. The Mysterious Affair at Castaway House. London: Penguin Books, 2014.
Deutsche Ausgabe: Lam, Stephanie. Das Haus der Lügen. Aus dem Englischen von Andrea Brandl. München: Page&Turner/Wilhelm Goldmann Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2015.

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