9. September 2015

Die ungezähmte Kriegerin

Paula McLain: Lady Africa

Nachdem ich Paula McLains internationalen Bestseller Madame Hemingway mit Begeisterung gelesen habe, hätte ich nicht gedacht, dass sie diesen Roman noch übertreffen könnte. Doch mit ihrem neuesten Buch Lady Africa ist es ihr tatsächlich gelungen. Im Fokus ihrer außergewöhnlichen Geschichte steht eine einzigartige Frau: Beryl Markham. Als Tochter eines Lords wuchs sie im afrikanischen Busch auf, erhielt mit 18 als erste und jüngste Frau eine Lizenz als Pferdetrainerin und überquerte schließlich als erste weibliche Pionierin der Lüfte den Atlantik im Alleinflug. Markhams bewegtes Leben inspirierte McLain zu diesem ausgezeichneten Roman, den ich euch wirklich sehr empfehlen kann. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes abenteuerlich - so wie das Leben dieser kühnen Querdenkerin.

Wildes Land

Als Charles Clutterbuck im Jahre 1904 mit seiner Frau Clara und den Kindern Beryl und Dickie nach Britisch-Ostafrika (heutiges Kenia) übersiedelt, finden sie sich im Herzen der Wildnis wieder. Unberührtes Buschland und primitive Hütten sind fortan ihr Zuhause. Während sich Charles und die kleine Beryl auf diese Herausforderung einlassen, kann Mutter Clara sich in keiner Weise mit diesem ihr völlig fremden Land anfreunden und verlässt nach nur zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Sohn Dickie ihren Mann und ihre Tochter, um nach England zurückzukehren. Beryl kann den Verlust ihrer Mutter nur sehr schwer verwinden. Auch ihr Vater kann ihr nicht viel Zeit widmen, denn er ist zu sehr mit dem Aufbau der Farm beschäftigt, die langsam aber stetig Form annimmt. Und so wächst Beryl auf sich allein gestellt, aber frei und unbeschwert mit den einheimischen Kipsigis heran - insbesondere der kleine Kibii wird zu ihrem besten Freund. Seine Familie nimmt sie als eine der ihren auf und gibt ihr den Namen Lakwet (sehr kleines Mädchen). So lernt sie u.a., mit dem Speer umzugehen und Warzenschweine zu jagen. Als ihr Vater mit seiner Farm Green Hills von Tag zu Tag erfolgreicher wird und parallel dazu auch noch eine bemerkenswerte Zucht von edlen Rennpferden aufbaut, könnte Beryl nicht glücklicher sein, denn - wie ihr Vater - ist sie eine absolute Pferdenärrin.

Dunkle Schatten

Doch als aus dem wilden Mädchen schließlich eine junge Frau wird, fallen erste Schatten auf Beryls zwangloses, sorgenfreies Leben. Ihr Vater und seine neue Partnerin Emma möchten, dass sie zur Schule und später auf ein Internat geht. Doch das ist mit Beryl nicht zu machen, denn sie ist nicht bereit, nach Konventionen zu leben und strikte Regeln zu befolgen. Auf der Schule gilt sie als schwer erziehbar, und auch das Internat kann sie nicht formen. Als ihr Vater in finanzielle Schwierigkeiten gerät und gezwungen ist, einen Job in Kapstadt anzunehmen, gibt Beryl schließlich auf Drängen ihres Vaters dem Werben von Jock Purves, einem Farmbesitzer, nach und heiratet ihn, obwohl sie ihn nicht liebt. Sie ist schnell desillusioniert und erkennt, dass sie eigentlich nichts von Männern weiß und auch für die Ehe nicht gemacht ist. Beryl will die Scheidung, doch Jock ist nicht bereit, sie gehen zu lassen, weil es zur damaligen Zeit einfach nicht üblich war, dass eine Frau ihren Mann verlässt.

Unkonventionelle Liebe

Nachdem Beryl das Unmögliche geschafft hat, nämlich mit nur 18 Jahren als erste Frau eine Lizenz als Pferdetrainerin zu erhalten, ist sie rastlos und versucht, sich in die Gesellschaft einzufügen, was ihr jedoch nicht gut gelingt. Sie lernt die unterschiedlichsten Männer kennen, aber keiner kann sie wirklich begeistern. Dies ändert sich, als sie Denys Finch Hatton, den Geliebten der dänischen Baronin Karen Blixen, kennenlernt, der ihre große Liebe wird. In ihm sieht sie einen Seelenverwandten, denn er ist - wie sie - frei und unabhängig, lässt sich in kein Schema pressen und lebt nach seinen eigenen Regeln. Dies macht ihn aber ebenso untauglich für eine Beziehung, die sich Beryl trotz ihrer Unabhängigkeit wünscht. Obwohl sie ihre Freundin Karen Blixen, die später ihre Erinnerungen in ihrem berühmten Roman Jenseits von Afrika festhalten wird, nicht verletzten möchte, beginnt sie eine Beziehung mit Finch Hatton, dessen Leidenschaft für das Fliegen sich auf Beryl überträgt. Sie nimmt Flugstunden und entpuppt sich als Naturtalent.

Tragische Wendung

Aufgrund ihres non-konformen Lebenswandels wird Beryl schnell zur Zielscheibe von Klatsch und Tratsch, doch als Freigeist denkt sie gar nicht daran, sich anzupassen. Dass sie für ihr selbstbestimmtes Leben einen hohen Preis zahlen muss, nimmt Beryl in Kauf, denn ihre Liebe zu Denys ist ihr ein immenser Halt. Doch nichts kann sie auf die Tragödie vorbereiten, die ihrem Leben eine weitere unvorhergesehene Wendung gibt und sie vor die Entscheidung stellt, sich aufzugeben oder abermals über sich hinauszuwachsen...

Berührendes Porträt einer unerschrockenen Abenteurerin

Mit Lady Africa ist es Paula McLain auf beeindruckende Weise gelungen, uns im Rahmen dieser fiktiven Geschichte erstaunliche Einblicke in die Lebensanschauung dieser singulären Persönlichkeit zu gewähren und Beryl Markham jenseits aller Gerüchte als selbstbestimmte und unerschrockene Pionierin zu zeigen, die ihrer Zeit weit voraus war.

McLains Informationsquellen über Beryl Markham waren allerdings limitiert. In ihren Memoiren West With The Night gibt Markham nur sehr wenig über sich als Privatperson preis, sie berichtet allerdings detailliert über ihre Kindheit in Afrika. Ihre Zurückhaltung bei allem Privaten rührt daher, dass sie aufgrund ihres neuartigen Lebensstils oftmals Gegenstand von haarsträubenden, unerhörten Spekulationen und daher ein gebranntes Kind in Bezug auf die Presse war. Die anzüglichen Gerüchte über Markham und ihre angeblich zahlreichen Männergeschichten, die McLain im Rahmen ihrer Recherche-Reise nach Kenia noch immer zu hören bekam, haben sich auch fast 30 Jahre nach dem Tod der Flugpionierin im Jahre 1986 nicht verflüchtigt und auch nichts von ihrer Boshaftigkeit verloren.

Doch ganz gleich, was man auch immer über Beryl Markham sagen mag: Es gab kaum eine Frau ihrer Zeit, die ihr das Wasser reichen konnte. Und dies wird auch in Paula McLains Roman unausgesprochen deutlich.

Paula McLain: Schriftstellerin auf Umwegen

Paula McLain wurde 1965 in Fresno/Kalifornien geboren. Als ihre Eltern sie und ihre zwei Schwestern verließen, wurden die entwurzelten Kinder in den darauffolgenden 14 Jahren von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht. Ihre Erfahrungen in dieser für sie und ihre Geschwister sehr schweren Zeit verarbeitete sie später in ihrer Autobiografie Like Family: Growing Up In Other People's Houses, die sehr berührend ist.

Als Paula McLain schließlich volljährig war, hielt sie sich mit zahlreichen Nebenjobs über Wasser: So arbeitete sie zum Beispiel als Krankenhaus-Hilfskraft, Pizza-Lieferantin und Cocktail-Kellnerin, bis sie schließlich die Schriftstellerei für sich entdeckte, die ihre große Leidenschaft wurde. 1996 machte sie ihren Master of Fine Arts in Poesie an der University of Michigan.

Ihr erster Gedichtband Less Of Her wurde 1999 veröffentlicht2003 folgte ihre o.g. Autobiografie. Nach der Publikation ihres zweiten Gedichtbandes Stumble, Gorgeous im Jahre 2005 begann sie mit den Arbeiten zu ihrem ersten Roman Ticket To Ride, der 2008 erschien.  

Internationaler Durchbruch mit Madame Hemingway

Der internationale Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr 2011 mit ihrem zweiten Roman Madame Hemingway. Ihre wunderbare Geschichte um den legendären Schriftsteller Ernest Hemingway und seine erste Frau Hadley Richardson, die im Paris der 20er Jahre spielt, war ein absoluter Überraschungserfolg. Der Bestseller, der in 34 Sprachen übersetzt wurde, erhielt glänzende Kritiken - seine Autorin Paula McLain gilt seither als vielversprechende literarische Neuentdeckung.

Von Marie Curie zu Beryl Markham

Die Protagonistin von McLains nächstem Roman sollte eigentlich die Physikerin und Chemikerin Marie Curie werden. Doch trotz all ihrer Recherchen konnte die Autorin, wie sie jüngst in einem Interview mit Alden Mudge in BookPage1 verriet, nicht zu ihrer Heldin durchdringen - Curies Charakter erschloss sich ihr trotz umfangreicher Lektüre nicht. Als McLain dann auf Empfehlung ihres Schwagers, einem Piloten und Arzt, die Memoiren von Beryl Markham mit dem Titel West With The Night las, war sie begeistert. Markham war genau die Protagonistin, die sie sich wünschte, zumal sie Ähnlichkeiten in ihrer beider Leben feststellen konnte. Beide wurden als Kinder von ihren Müttern verlassen und für beide waren Pferde und Reitsport mehr als eine Passion.

McLain verwarf daraufhin das Buch über Marie Curie und schrieb in nur fünf Monaten einen beinahe druckfertigen ersten Entwurf des hier vorgestellten Romans.

Lady Africa wurde im letzten Monat in Deutschland veröffentlicht und wird mit Sicherheit wieder die Bestsellerlisten stürmen, denn Paula McLain hat zweifellos schriftstellerische Klasse. 

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website paulamclain.com.

Originalausgabe: McLain, Paula. Circling The Sun. New York: Ballantine Books, 2015.
Deutsche Ausgabe: McLain, Paula. Lady Africa. Aus dem Amerikanischen von Yasemin Dinçer. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2015.
1Interview von Alden Mudge. Paula McLain: Finding a personal connection in the life of a daring pioneer. In: BookPage, 23. August 2015: http://bookpage.com/interviews/18570-paula-mc-lain#.Ve8Zmn1tCSo

Mein herzlicher Dank gilt dem Aufbau Verlag, Berlin, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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