20. September 2015

Zerstörerische Liebe

Emily Brontë: Sturmhöhe
Wuthering Heights

Romantisch-verstörendes Meisterwerk des Viktorianismus

Dieser Roman zählt für mich zu den bedeutsamsten tragischen Liebesgeschichten aller Zeiten. Als ich diesen Klassiker der englischen Literatur damals zu Beginn meines Studiums gelesen habe, fand ich die fesselnde Geschichte zugleich romantisch und verstörend. Dieser Eindruck ist bis heute geblieben. Ich lese den Roman gerne von Zeit zu Zeit immer mal wieder, und er hat für mich trotz mehrmaliger Lektüre nichts von seiner Faszination verloren. Im Übrigen verbinde ich auch mit diesem Meisterwerk der Gothic Tradition immer Kate Bushs gleichlautendes Lied Wuthering Heights, das sie mit ihrer geisterhaft hohen Stimme perfekt interpretiert.

Skandal und Zumutung für die Leser der damaligen Zeit

Als der Roman 1847 unter Emily Brontës männlichem Pseudonym Ellis Bell erschien, war die hochmoralische viktorianische Gesellschaft schockiert: Die Schilderung dieser leidenschaftlichen, unkonventionellen und letztendlich zerstörerischen Liebe der beiden Protagonisten Catherine und Heathcliff, die in den Augen der Leser in ihrer Intensität und Grausamkeit nur von einem verdorbenen männlichen Autor erdacht sein worden konnte, empfand man als Skandal und Zumutung. Und so verkaufte sich der Roman anfänglich nicht sehr gut und wurde trotz einiger verhalten positiver Rezensionen weitestgehend ignoriert. Selbst Charlotte Brontë, Emilys berühmte Schwester und Autorin des Klassikers Jane Eyre, verwies in ihrem Vorwort zur Neuausgabe des Werks ihrer Schwester unmissverständlich darauf, dass es ihr unbegreiflich sei, wie man eine solche Kreatur wie Heathcliff erfinden konnte1.

Heute zählt Sturmhöhe zu den Literaturklassikern, während Emily Brontë als eine der besten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gilt, die mit ihrem für die viktorianische Zeit innovativen Schreibstil ein einmaliges Werk geschaffen hat, das von Generation zu Generation begeistert rezipiert wird.

Das tragisch verknüpfte Schicksal der Familien Earnshaw und Linton

Der Roman spielt im englischen Yorkshire und erzählt die Geschichte der Familien Earnshaw und Linton über zwei Generationen. Der große soziale Unterschied der Familien spiegelt sich bereits in ihrem Lebensumfeld wider:  Während sich das Anwesen der Earnshaws - Wuthering Heights - auf einer Anhöhe in der wild anmutenden Hochmoor-Landschaft der Region befindet, liegt das Herrenhaus der reichen Lintons - Thrushcross Grange - in einem idyllischen Tal.

Als Mr. Earnshaw eines Tages den kleinen aus Liverpool stammenden Waisenjungen Heathcliff als neues Familienmitglied mit nach Hause bringt, ist seine Familie alles andere als begeistert. Während Earnshaws Sohn Hindley Heathcliff schikaniert, wo er nur kann, nimmt Catherine (Cathy) ihn mit offenen Armen auf. Die beiden Kinder sind unzertrennlich und spielen in jeder freien Minute zusammen. Die Haushälterin Nelly, die Heathcliff anfangs sehr merkwürdig findet, nimmt sich ebenfalls seiner an und behütet ihn.

Doch dann stirbt der alte Earnshaw, der Heathcliff immer vor Hindleys Schikanen beschützt hatte, und Heathcliffs heile Welt zerfällt. Hindley sieht sich am Ziel seiner Wünsche: Er degradiert Heathcliff zum Knecht und behandelt ihn wie Abschaum. Cathys enge Bindung zu Heathcliff ist Hindley ein besonderer Dorn im Auge, aber Cathy lässt sich von Hindley nichts vorschreiben und trifft sich auch weiterhin mit Heathcliff, der in ihren Augen nicht nur ihre andere Hälfte, sondern auch ihr Seelenverwandter ist, denn beide sind wilde, ungestüme Wesen, die sich nicht einschränken lassen.

Heathcliff und Catherine: Obsessive Liebe und grenzenloser Hass

Heathcliffs Liebe zu Cathy manifestiert sich und auch Cathys Gefühle für Heathcliff werden stärker. Als jedoch der junge Linton-Erbe Edgar Cathy einen Heiratsantrag macht, nimmt sie diesen zur Überraschung aller an. Vor allem Haushälterin Nelly ist klar, dass Cathy Edgar nicht liebt, sondern die Ehe lediglich als Ausweg sieht, um sich von ihrem mittlerweile stets alkoholisierten Bruder zu befreien. Heathcliff ist entsetzt und zutiefst getroffen. Als er dann noch zufällig hört, wie Cathy Nelly anvertraut, dass sie Edgar zwar nicht liebt, aber eine Ehe mit Heathcliff aufgrund des gesellschaftlichen Unterschiedes für sie ausgeschlossen ist, verlässt er Wuthering Heights völlig verzweifelt und außer sich vor Wut, ohne nochmals mit Cathy zu sprechen. Cathy verfällt daraufhin in eine tiefe Depression, heiratet Edgar aber trotz allem und zieht mit ihm nach Thrushcross Grange.

Nach drei Jahren kehrt Heathcliff als reicher Mann und nobler Gentleman zurück und ist fest entschlossen, Cathy allen Widerständen zum Trotz zu seiner Frau zu machen. Er taucht unangemeldet bei Cathy und Edgar auf und macht aus seinen Absichten keine Hehl. Während Edgar außer sich ist, verfällt Catherine Heathcliff erneut. Doch sie weiß, dass es für sie und Heathcliff kein Happyend geben darf, denn sie ist von Edgar schwanger. Als sie Heathcliff dies mitteilt, beginnt er in rasender Wut einen gnadenlosen und grausamen Rachefeldzug gegen die Familien Earnshaw und Linton, der auch vor der Liebe seines Lebens keinen Halt macht...

Kontroverse Charaktere im Spiegel ihrer Zeit

Während Emily Brontës Werk in unserer heutigen Zeit vor allem durch seine sehr individuell und modern gezeichneten Charaktere Heathcliff und Cathy überzeugt, waren die beiden Protagonisten für die zeitgenössischen Leser ein Affront. Man konnte sich in keiner Weise mit ihnen identifizieren, denn die willensstarken und unkonventionellen literarischen Figuren passten nicht in das moralische Schema des Viktorianismus.

Heathcliff: Düsterer Byronic Hero und charismatischer Antiheld

Dies gilt vor allem für Heathcliff, der als Inbegriff des Byronic Hero (benannt nach dem berühmten Dichter Lord Byron) gilt, ein zynisch-arroganter Antiheld, für den nur seine Regeln in der Welt gelten und der auf seine Umwelt aufgrund seiner egozentrischen Ausstrahlung und seines Charismas zugleich abstoßend und faszinierend wirkt. Doch obwohl Brontë Heathcliff primär als dunklen Charakter angelegt hat, zeigt vor allem seine bedingungslose Liebe zu Cathy, die ihn zu einem Gefangenen seiner selbst macht und ihn schließlich ins Verderben führt, dass seine leidenschaftlichen Gefühle trotz seiner kalten und schroffen äußeren Hülle nie erloschen sind.

Catherine: Weibliche Antiheldin und aufbegehrender Freigeist

Auch die weibliche Hauptfigur entspricht in keiner Weise dem damaligen Frauenbild. Mit Cathy als wilder, aufbegehrender Freigeist hat Emily Brontës zwar eine starke Protagonistin geschaffen, doch am Ende lässt sie ihre Figur an den strengen Konventionen ihrer Zeit und an ihrer tragischen Liebe zu Heathcliff scheitern. Dies macht die einzigartige Liebesgeschichte umso berührender, denn Brontë veranschaulicht auf beeindruckende Weise, dass es für leidenschaftliche Individuen keinen Platz in der damaligen Gesellschaft gab und man ihnen jedes Recht auf Liebe und Glück verwehrte. 

Wilde Natur als Seelenspiegel

Was ich neben der außergewöhnlichen Geschichte besonders beeindruckend finde, ist, dass Emily Brontë ihr gewähltes Setting der wilden, schroffen und winddurchzogenen Hochmoorlandschaft Yorkshires als Seelenspiegel zur inneren Aufruhr und Zerissenheit ihrer beiden Hauptcharaktere verwendet. Das ist ihr derart exzellent gelungen, dass der Leser bei vielen Landschaftsbeschreibungen das Gefühl hat, sie beschreibe gleichzeitig den aufgewühlten Gemütszustand ihrer Charaktere.

Emily Brontë: Exzentrische Eigenbrötlerin und passionierte Schriftstellerin

Emily Brontë wurde 1818 in Thornton/Yorkshire als mittlere Schwester der berühmten Brontë-Schriftstellerinnen Charlotte und Anne geboren. Nach dem Tod ihrer Mutter zogen sie nach Haworth, das im Herzen von Yorkshires wilder Hochmoorlandschaft liegt, und wurden von ihrem Vater, einem strengen irischen Pfarrer, und einer sehr religiösen Tante erzogen. Zusammen mit ihren verbliebenen Geschwistern (ihre Schwestern Maria und Elizabeth starben bereits in früher Kindheit), Charlotte und Anne, sowie ihrem Bruder Branwell schrieb Emily schon früh Geschichten und Gedichte. Die Kinder wurden von ihrem Vater zuhause unterrichtet und insbesondere Emily, Charlotte und Anne verfügten über eine für die damalige Zeit sehr gute Bildung für Frauen.

Lehrerin und Hausfrau

Mit 20 arbeitete Emily zunächst als Lehrerin an der Law Hill School in Halifax, doch aus gesundheitlichen Gründen musste sie ihre Stelle bereits ein Jahr später aufgeben. Danach widmete sie sich erst mal ausschließlich dem heimischen Haushalt, bevor sie 1842 gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte einen Auslandsaufenthalt im Héger Pensionnat in Brüssel wagte, wo sie Französisch und Deutsch studierten. Nach dem Tod ihrer Tante mussten sie jedoch zu ihrem Vater nach England zurückkehren.

Erste Veröffentlichung

1846 veröffentlichten die Schwestern unter ihren männlichen Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell den gemeinsamen Gedichtband Poems, der jedoch keinen Anklang fand.

Ein Jahr später wurde Emilys einziger Roman Sturmhöhe (Wuthering Heights) unter ihrem o.g. Pseudonym publiziert, der die viktorianische Öffentlichkeit schockierte. Die Autorin ließ sich zwar davon nicht entmutigen, doch einen weiteren Roman konnte sie leider nicht mehr verfassen: Sie starb 1848 im Alter von nur 30 Jahren an einer Lungenentzündung bzw. an Tuberkulose, da sie jegliche ärztliche Behandlung verweigerte.

Das kostbare Vermächtnis der naturverbundenen Einsiedlerin

Emily Brontë galt als introvertierte, willensstarke und manchmal schroffe Persönlichkeit, die es ihrer Umwelt nicht immer einfach gemacht haben soll. Sie liebte Tiere, die Natur und wanderte oft durch die windige Moorlandschaft. Ihr einziger Roman Wuthering Heights bleibt ihr kostbares Vermächtnis: Er spiegelt nicht nur ihre ganz besondere Sicht der menschlichen Natur und den fatalen Einfluss rigider gesellschaftlicher Zwänge wider, sondern ist zugleich Ausdruck ihres Wunsches nach Freiheit und Eigenbestimmung. Der späte große Erfolg ihres Romans, den sie leider nicht mehr miterleben durfte, reflektiert die immense Würdigung ihres Werkes, dessen leidenschaftliche Ausdrucksstärke die Zeit überdauert hat.2

Originalausgabe: Brontë, Emily. Wuthering Heights. Ware/GB: Wordsworth Classics/Wordsworth Editions Limited, 2000.
Deutsche Ausgabe: Brontë, Emily. Sturmhöhe. Aus dem Englischen von Gisela Etzel. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2009.
Informationsquellen über Emily Brontë und Wuthering Heights:
1Brontë, Emily. Wuthering Heights: Authoritative Text, Backgrounds, Criticism. Ed. William M. Sale, Jr. and Richard J. Dunn. 3rd ed. A Norton Critical Edition. New York: Norton, 1990.
2Maletzke, Elsemarie/Schütz, Christel (Hrsg.). Die Schwestern Brontë. Frankfurt am Main: insel taschenbuch, 2007.

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